Wunderbare Jahre – Interview mit Andrea Huser

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Wunderbare Jahre

Eigentlich wollte Andrea Huser nur noch ein wenig in den Bergen rumrennen. Na gut, vielleicht auch ein wenig mehr. Wie aus der 43-jährigen Schweizerin eine der besten Ultraläuferinnen unserer Zeit geworden ist. Und was das überhaupt ist: die Zeit.

Andrea, unsere Leser haben dich in diesem Frühjahr unter die vier beliebtesten Trailathleten gewählt. Warst du überrascht?
Oh ja! Nein ehrlich – das war ich wirklich! Meinen Namen neben Kilian, Emelie und Philipp zu sehen hat mich intuitiv zum Strahlen gebracht. Ich fühlte mich ehrlich geehrt. Gerade noch waren das Stars, die ich bewundert habe, nun sollte ich dazugehören. Irgendwie irreal.
 
Ich habe irgendwie eine solche Antwort erwartet. Weil: Ist das überhaupt eine Rolle, in der du dich wohlfühlst? Was verstehst du darunter, ein Star oder ein Idol zu sein?
Nein, ich fühle mich tatsächlich nicht wohl, wenn ich irgendwie als „Star“ angesehen werde, das ist schlichtweg übertrieben. Ein Star ist für mich weltbekannt, hat Außergewöhnliches geleistet und ist, ja, auch auf eine Art unnahbar. Für mich persönlich braucht es mehr als das, was ich bis jetzt vollbracht habe, ein Star zu sein. Aber zum Glück ist unser Sport ja noch keiner, der es mit dem Starkult übertreibt. Na ja, zugegeben, es ist natürlich schon schön, für eine Leistung bewundert zu werden.
 
Du bist professionell Mountainbikerennen gefahren und hast später Ultra-Triathlons und mehrtägige Gigathlons bestritten, du hast also Sachen gemacht, die man vermutlich auch nur mit einer sehr, sehr professionellen Einstellung hinbekommt. Was unterscheidet deine bisherige Sportkarriere von deinem „Alltag“ als Ultraläuferin?
Ach, so sehr professionell ist meine Einstellung gar nicht. Zum Glück. Denn sobald es zu professionell wird, verliere ich an Lockerheit und somit an Spaß. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich immer wieder neue Herausforderungen gefunden habe – ich wollte mir den Spaß bewahren. Ultratrail ist nach den polysportlichen, langen Wettkämpfen nun am einfachsten. Ich liebe Abwechslung und Bewegung in landschaftlich reizvoller Umgebung. Ich war schon immer ein „Diesel“ und hatte meine Stärke in der Ausdauer. Als ich zum ersten Mal den UTMB gelaufen bin, kam ich dann mit dieser polyglotten, weltweit vernetzten Ultratrail-Szene in Kontakt. Von da an gab es eine neue Leidenschaft: Reisen und Trailrunning.
 
Hand aufs Herz, machst du gegenwärtig tatsächlich weniger Sport?
Als ich für Gigathlon und Inferno Triathlon trainierte, hatte ich den Trainingsaufwand in drei bis vier Disziplinen. Zeitlich mache ich jetzt auch weniger, klar. Ich kann ja nicht jeden Tag drei bis sechs Stunden laufen.
 
Zumal du im vergangenen Jahr erzählt hattest, dass du eigentlich nur zum Trail gekommen bist, weil du endlich weniger Zeit mit dem Training verbringen wolltest. War da auch Koketterie mit im Spiel?
Nein, Trailrunning ist einfacher – und es ist weniger Materialschlacht. Jetzt kann ich Schuhe anziehen und los, nach einer Stunde hat man schon ein vernünftiges Lauftraining gemacht, das geht mit dem Rad nicht. Ich muss mir auch nicht mehr überlegen, soll ich noch schwimmen gehen oder nicht. Was ich ebenfalls sehr genieße, ist die Freiheit, darauflos zulaufen. Beim Ultratrail kann auch mit einem verhältnismäßig unstrukturierten Training schon viel erreicht werden. Anfangs trainierte ich nach Lust und Laune. Mittlerweile zwar wieder nach Plan. Zugegeben, das hatte ich anfangs nicht mehr vor. Aber ich bin nicht mehr die Jüngste und möchte mein Niveau gerne noch eine Weile halten, da ist effizientes Training einfach zeitsparender.
 
Im vergangenen Jahr hattest du auch gesagt, um beim UTMB ganz vorne mitzulaufen, müsstest du deinen Job für ein paar Monate quittieren und dich ganz und gar auf die Rennvorbereitung einlassen. Letzteres hast du nicht gemacht – dennoch bist du in Chamonix als Zweite eingelaufen. Was hattest du also falsch oder ganz besonders richtig gemacht?
Nun, ich war drei Wochen vorher den Irontrail mit 201 km und 11000 Hm gelaufen (lacht). Aber im Ernst, zu Beginn meiner Trailkarriere war es für mich wirklich unvorstellbar, den UTMB zu gewinnen, ich dachte tatsächlich, da muss man Profi sein. Nach den Erfahrungen, die ich dann während der Diagonale des Fous 2015 und den Erfolgen vom letzten Jahr hatte, konnte ich besser einschätzen, was möglich ist. Auf mein Rennen beim UTMB letztes Jahr bin ich tatsächlich sehr stolz, da ich niemals erwartet habe, so nahe an Caroline Chaverot heranzukommen.
 
 Und in diesem Jahr? Immerhin bist du wieder in Chamonix am Start.
Ich probiere natürlich, meinen Erfolg vom letzten Jahr zu wiederholen und im besten Fall zu übertreffen. Im Moment glaube ich noch nicht, dass ich der starken Konkurrenz wie Caroline Chaverot und Nuria Picas gewachsen bin. Die Herausforderung nehme ich aber an.
 
Denkst du dennoch, dass sich die Ultratrailszene in den kommenden Jahren professionalisieren wird, ja professionalisieren muss, und dass solche Erfolge als „Feierabendathletin“ zunehmend schwieriger werden?
Ja das glaube ich schon. Das Niveau ist, so wie ich das einschätzen kann, in den letzten Jahren unglaublich gestiegen. Die Leistungsdichte ist mittlerweile auch bei den Frauen da. Es gibt meistens eine überragende Siegerin, danach sind die Zeitabstände aber nicht mehr so groß wie noch vor einigen Jahren. Es wird aber weiterhin mit „Feierabendtraining“, wie du es nennst, möglich sein, Topleistungen zu bringen. Auch, weil das Niveau und die Effizienz von Training und Trainingsplänen immer besser wird. An prestigeträchtigen Rennen wird die Professionalisierung an der Spitze zunehmen, dann kommen die Erlebnisläufer, die einfach den schönsten Strecken der Welt folgen.
 
Bleibt die Frage: Wer soll die Professionaliserung bezahlen? Siehst du Wege, vom Traillaufen leben zu können?
In meinem Alter ist das eher nicht mehr möglich. Außer ich arbeite ein paar Monate mehr, um mal zwei, drei intensive Trainings- und Wettkampfmonate finanzieren zu können. Es gibt wenige Leute, oder eben Stars, die von ihren Sponsoren gut vermarktet werden und somit auch davon leben können. Und: Du musst zuerst selbst viel investieren, damit solche Sponsoren Interesse zeigen. Mit meinen 43 Jahren sehe ich das nicht mehr. Aber es wäre schön, wenn ich künftig Partner für das ein oder andere Projekt finden würde.
 
Wäre das überhaupt eine Option für dich? Hauptberuf Sportlerin …
Vorübergehend ja, warum nicht! Ich brauche ja nicht nur Zeit zum Trainieren, sondern immer mehr, um zu regenerieren …

 
Es gibt da ja dieses Modewort „Influencer“: Athleten mit Dauerpräsenz bei Instagram, Facebook, kurz in den Sozialen Medien. Du hältst dich auffallend zurück. Ist das ein Luxus, denn du dir gönnst?
Ja, vielleicht ist das Luxus. Ich mache es mir bequemer, wenn ich den Berg hochrenne, ohne alle 300 m das Handy hervorkramen zu müssen. Nein! Ich habe einfach nicht das Bedürfnis, täglich zu posten, was ich mache. Ich denke, das muss jeder selbst wissen, wie viel er öffentlich zeigen will. Solange ich keine Vorgaben von Sponsoren habe, muss ich nicht posten, ich darf! So kann ich so viel zeigen, wie es für mich stimmt. Ich möchte nicht alle meine „Heldentaten“ der Öffentlichkeit preisgeben, teile aber gerne mal schöne Momente. Mit Selfies tue ich mich etwas schwer, ich denke, auch meine FB-Freunde wollen nicht täglich mein Gesicht sehen.
 
Wie sieht deine Trainingswoche aus, wie dein Trainingsjahr?
Meine Trainingswoche hängt von den Wettkämpfen ab. Ich mache ein bis zwei Ruhetage mit wenig bis gar keinem Training. Fahre ein- bis zweimal Mountainbike oder Skitouring im Winter. Der Rest ist laufen mit kurzen Intervallen während der Woche, evtl. mal ein längerer Tempolauf, dies variiert je nach Zielwettkampf. Am Wochenende gibt es einen langen Lauf zwischen vier und acht Stunden. Für den UTMB werde ich mich mit dem Montreux Trailfestival auf 160 km und 13`000 hm vorbereiten. Dann kommt der Fokus auf die Diagonale des Fous mit kürzeren Trailrennen. Im November mache ich meistens nicht mehr viel, so eine Pause muss auch mal sein.
 
Gibt es eine besondere Einheit oder eine besondere Strategie, die für dich dabei besonders wichtig ist?
Drei Wochen vor einem wichtigen Ultratrail den letzten langen Lauf. Danach das klassische Tapering.
 
Wie lang sind deine längsten Trainingsläufe? Und wie nah läufst du ans Wettkampftempo heran?
Ich glaube, der längste war ca. neun Stunden, in diesem Jahr schaffte ich bis jetzt erst einmal acht. Da laufe ich aber langsamer als im Wettkampf, gemütliches Grundlagentempo. Vielfach laufe ich aber vorbelastet, also von den Trainings vom Vortag noch müde, so wird es mental genauso herausfordernd wie beim langen Ul-tratrail über zehn Stunden.
 
Irgendwelche Rezepte bezüglich der richtigen Ernährung?
Ich esse, was mir schmeckt und mir Energie gibt. Im Training ist das alles Mögliche von Riegel über Kuchen bis zu Schokolade, Hauptsache Zucker. Im Wettkampf nutze ich Getränkepulver, Gels, esse aber auch Riegel, Schokolade, Bananen, Dörrfrüchte etc., dazu Bouillon und viel Cola. Ich mache das nach Gefühl und habe keine Rezepte.
 
Deine Ultratrailkarriere ist noch jung an Jahren, du selbst bist jetzt 43 Jahre alt. Wie lange denkst du, wirst du noch vorne mitlaufen können und mehr noch: wollen?
Dieses Jahr und dann mal schauen. Vorne mitlaufen wird vielleicht nicht mehr lange möglich sein; so lange ich das aber kann, ist die Motivation da.
 
Und dann? Kann es das irgendwann einmal geben, eine Andrea Huser ohne den Sport in den Bergen?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen! Ich liebe die Bewegung in den Bergen. Ich möchte mal mehrtägige Touren über die Alpen machen. Ich werde, so lange ich kann, über Trails rocken, auch ohne Wettkämpfe, und ab und zu mit dem Mountainbike.
 
Du bist in der Ostschweiz aufgewachsen, wohnst jetzt in der Nähe von Bern. Wo sind deine Lieblingsberge, wo deine liebsten Trails?
Ich bin in den Bergen aufgewachsen in Obertoggenburg. Da gab es nur Skifahren oder Wandern. Dort sind die 7 Churfirsten, welche noch immer zu meinem Lieblingsbergen gehören. Seit 17 Jahren wohne ich im Berneroberland, wo die Berge, zugegeben, höher und imposanter sind. Da habe ich viele Möglichkeiten direkt vor meiner Haustür. Rund um das Niederhorn gibt es wunderbare Trails mit verschiedenen möglichen Runden. Einer meiner liebsten ist der Brienzergrat, der unter Trailrunnern und Alpinisten vermutlich eher als Hardergrat bekannt ist. Zum Runterrennen ist der Niesen mein Favorit. Aber eigentlich hat es für mich überall schöne Trails!

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