Wie lange brauche ich, um „bereit“ für eine erste Ultra Distanz zu sein?

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Von Michael Arend

Ich finde ganz unwissenschaftlich die Aussage passend: „Du bist bereit für einen Ultra, wenn sich ein 35 Kilometer Lauf nicht mehr wie ein langer Lauf anfühlt“. Da steckt keine besondere Wissenschaft dahinter, aber die Aussage ist deswegen so gut, weil sie erstens die Komplexität eines Ultras widerspiegelt und zweitens, weil dieses Gefühl mit Unvernunft nicht schneller zu erreichen ist. Wenn ich schreiben würde, dass man mindestens 140 Wochenkilometer laufen können muss, dann geht ein Ultra unvernünftiger Weise in zwei Wochen. Wenn ich schreiben würde, man sollte den Umfang pro Woche um 10 Prozent steigern, dann wissen wir alle seit Corona, dass ein prozentualer Anstieg am langen Ende sehr schmerzhaft wird, wenn einmal die 100 Kilometer überschritten sind. Damit sich 35 Kilometer nicht wie ein langer Lauf anfühlen, müssen die Glykogenspeicher ausgeprägt sein, die Nahrungsaufnahme muss passen, die Muskelermüdung muss gering sein und man braucht eine gewisse mentale Stärke. Außerdem braucht ein schneller Läufer für die 35 Kilometer deutliche kürzer, als ein langsamer, was eben auch die Wettkampfanforderungen wiedergibt. Wenn es also nicht um die Frage geht, wie man für einen Ultra trainieren muss, sondern darum, wann man sicher gehen kann, dass man für die erste Ultradistanz bereit ist, finde ich dieses weiche, aber deswegen viele Aspekte umfassende Kriterium sehr passend. Klar ist auch, dass dieses Kriterium im weiteren Verlauf nicht sagt, ob man für einen hochalpinen Ultra, eine Wüstendurchquerung oder ein Etappenlauf bereit ist. Für den ersten Ultra im leichten Gelände hat dieses Kriterium aber eine gute Aussagekraft. Wie lange es dauert bis man diesen Status erreicht hat, hängt sicherlich vom Training ab. Wobei das möglichst schnelle Erreichen dieses Status sicher kein alleiniges Gütekriterium ist. Das Motto eines der erfolgreichsten Trainer im Ultramarathonsport, Jason Koop, ist, dass man im Zweifel immer die Ausdauer trainieren soll. Was er damit meint, ist, dass bei aller Abhärtung und Spezialisierung immer die allgemeine Grundlagenausdauer der wichtigste und entscheidende Faktor ist und bleibt. Wer also allein die Ermüdungsresistenz durch lange und langsame Läufe in den Vordergrund des Trainings rückt und dabei die allgemeine Ausdauerentwicklung vernachlässigt, wird zwar sicher schneller einen Ultra laufen können, aber leider für immer das Leistungspotenzial unausgeschöpft lassen.