Therapie des Vorankommens!

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Eine Pandemie zwingt uns unseren Sport an Ort und Stelle zu konservieren. Auf dem Laufband, im Garten oder der Haustreppe. Aber kann Trail- und Ultrarunning langfristig funkionieren ohne die Fortbewegung und das Vorankommen?

Bild: No Limits Photography Text: Benni Bublak

Virus hier, Klopapier da. Ich kann und ich will es nicht mehr hören. Für mich gibt es nur eine Sache die immer besser wird, umso länger sie sich zieht. Und das ist das Laufen. Heute ist der 1. April. Kilian hat das Laufen aufgegeben und geht jetzt fischen. Ich nicht. Ich laufe. Laufen ist mein Impfstoff. Mein Lauftagebuch (Strava) ist mein Impfausweis und mein Hausberg ist der Arzt, den ich so oft wie möglich konsultiere. Von einer Quartalsabrechnung hat dieser ein Glück noch nie was gehört. 

Wie funktioniert eigentlich so ein Impfstoff? Ein Impfstoff besteht aus einer abgeschwächten oder abgetöteten Form des Virus der dem menschlichen Körper injeziert wird, damit dieser von selbst einen Immunschutz in Form von Antikörpern gegen den Eindringling aufbaut. Quasi eine Konfrontationstherapie. Und da fängt meine Analogie schon an zu bröckeln. Denn mit dem Laufen verhält es sich ja üblicherweise anders. Wir Läufer, so heißt es zumindest, sind doch die, die vor den Problemen davon laufen, sie einfach vergessen wollen. Ich würde es anders formulieren: Das Laufen ist für uns Relationstherapie. Ihr kennt das sicher: Euch beschäftigt ein Problem, ihr seid verärgert oder gestresst. Ihr geht laufen und je länger ihr lauft, desto nichtiger scheint das Problem zu werden, es schrumpft zusammen von Melonen- auf Weintraubengröße, um sich am Ende des Laufs in Lösbarkeit oder Irrelevanz aufzulösen. Ein bisschen verhält es sich mit dem laufenden Probleme-Lösen wie mit dem Scheinriesen aus Michael Ende`s Jim Knopf, der immer kleiner wurde umso näher man ihm kam und sich am Ende als  freundlicher Herr Tur Tur vorstellte. 

 Was genau ist also das Geheimnis dieser therapeutischen Wirkung des Laufens? Sicherlich spielt die körperliche Ertüchtigung selbst eine wesentliche Rolle. Der fast meditative sich immer wiederholende Bewegungsablauf und das lebendige Spüren der eigenen Vitalfunktionen. In diesem Text möchte ich aber auf einen anderen therapierenden Aspekt des Laufens aufmerksam machen. In Zeiten des Lockdowns feiern die Laufbänder und Rennradrollen Konjunktur. Diese bewegungsfixierte Form unseres Sports funktioniert- zumindest für einige Zeit.  Wie beim Lockdown selbst merken wir aber irgendwann, dass es nun genug ist, dass sich was ändern muss. Ich bin kein großer Freund des Laufbands. Ich habe es probiert und hatte immer das Gefühl das etwas nicht stimmt. Wahrscheinlich ist es so simpel wie naheliegend. Was fehlt ist das Vorankommen! Die Landschaft die an einem vorbeizieht, der Gipfel der nach einiger Zeit des Aufstieges erreicht ist oder die Laufrunde die sich, zu Hause angekommen, logisch schließt ohne dass man nur einen Meter doppelt rennen musste. Ich würde sogar soweit gehen, dass das Laufen selbst als Bewegungsform nur als Mittel zum Zweck dient. Dem Zweck des vorankommenden Erlebens. Gerade wir Ultraläufer können ein Lied davon singen, ist das Absolvieren dieser logischen Strecken mit dieser einmaligen Strahlkraft doch das was uns am meisten fasziniert. Einmal um den höchsten Berg Europas laufen (UTMB), einmal die historische Heldentat des griechischen Boten Pheidippides nachempfinden (Spartathlon) oder einmal einen ganzen Gebirgszug wie die englischen Pennines durchqueren (Spine Race). Das hier nicht die Laufbewegung an sich im Fokus steht sondern das Zurücklegen der Strecke selbst, wissen wir Ultraläufer nur zu gut. Schließlich gehört das Gehen und Wandern genauso zu diesem Sport wie das ausführliche Rasten, ja sogar das Schlafen zwischen dem Laufen. Alles zum Zwecke des Voran- und Ankommens. Das größte Rennen unseres Sports hatte zuerst garnichts mit Laufen zu tun. Damals ist man geritten beim Western States. Die zu der Zeit bevorzugte Art des Vorankommens. Einglück kam ein gewisser Gordy Ainsleigh (mit Hilfe seines lahmenden Pferdes) darauf, dass es doch zu Fuß viel besser geht und dass wir Menschen selbst wahre Meister des Vorankommens sind. 

Worauf ich hinaus will: Das Laufen ist für uns der beste Impfstoff den es gibt. Eingesperrt auf einem sich an Ort und Stelle drehenden Band mag es für eine begrenzte Zeit fortexistieren können. Aber erst das Vorankommen macht es lebendig, lässt den Wechsel von Umwelt, Gerüchen und Eindrücken erlebbar werden und macht das Laufen damit zum Sinn-stiftenden Therapeutikum. Bleibt nur eine Frage zu klären: Wenn die laufende Fortbewegung der Impfstoff ist, was ist dann eigentlich der Virus? Ich habe es schon wieder vergessen. Schließlich war ich gerade bei Doktor Hausberg.