RENNFIEBER – Istria 100

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Von Istrien nach China, am Gardasee vorbei ins Vogtland. Unsere Autoren starteten bei den unterschiedlichsten Trail-Wettkämpfen und berichten doch alle von einem: sich selbst finden und das Ziel suchen.
Von: Donald Schuster

Ein Samstagmorgen gegen drei Uhr. Ich sitze im Dunkeln, die Stirnlampe ausgeschaltet, irgendwo zwischen Brgudac und Trstenik etwas abseits des Trails auf einem Felsen und beobachte den endlosen Strom an Läuferinnen und Läufern. Sie können mich nicht sehen in meinem Loch der Erschöpfung und Verzweiflung. Finde ich ganz gut in diesem Moment.

Dabei hat das Unternehmen Istria100 nahezu perfekt begonnen: Anreise am Montag, ein nettes Apartment in Spaziergangweite nach Umag, ein supernettes Vermieterpaar, denen die zwischenzeitliche Arbeitsmigration mehr als passable Deutschkenntnisse beschert hatte, dazu die herrliche Küstenlandschaft und die dahinterliegenden Hügel mit Olivenhainen und Weinbergen, die sagenhaft blutrote Erde, das mediterrane Essen. Am Dienstag war ich noch eine schöne, lockere 45K-Tour entlang der Küste und dann hoch in den Naturpark Škarline gelaufen. Dann habe ich nur noch geschlafen, gegessen und mich vorgefreut. Selten bin ich so ausgeruht und ausgeglichen an einen Start gegangen. Ich habe mir sogar zwei Zeitpläne auf die Roadmap notiert. Eine – zugegebenermaßen – sehr ambitionierte Sub30 und eine eher realistische 34-Stunden-Finisherzeit.

Aber hier und jetzt bin ich komplett im Eimer. Verzockt. Und das Rennen ist gerade mal zehn oder elf Stunden alt. Die ersten 15 km von Labin runter nach Plon Luka war ich noch verhalten gelaufen, dann aber bin ich die ersten heftigen Anstiege ins Učka-Gebirge hochgestürmt als wäre das Zegama Aizkorri und mich würde eine johlende Menge anpeitschen. Das einzig anpeitschende ist aber der eiskalte Wind und der heftige Temperatursturz von 16 °C am Start auf 2 °C hier oben, auf knapp 1.600 m, die mich in meinen kurzen Hosen und dem hauchdünnen Trikot über den Berg jagen ließen. Ab der Radarstation Vojak liegen vereinzelt Schneewehen – zum Teil vereist – mitten im Downhill, auf denen ich trotz Stöcken mehrmals stürze. Überhaupt ist das Gelände teils sehr tückisch, da ganz Istrien scheinbar nur aus Kalkstein in allen Formen und Größen besteht.

Ich übergebe mich zum zweiten Mal.
Tief in mir drinnen aber flüstert der bockige Part von Don Downhill in einer Endlosschleife: Reiß dich am Riemen, Mann! Du hast vor drei Jahren in Transsylvanien genauso mitten in der Nacht kotzend auf einem verschneiten Pass gesessen und die ganze Ultrarennerei verflucht. Und? Du hast es gepackt! Oder vor zwei Jahren bei deinem ersten Hundertmeiler, The Great Escape? Losgerannt wie Jim Walmsley auf Ecstasy und bei Kilometer 80 totaler Zusammenbruch. Aber? Gefinished. Zwar halbtot, aber trotzdem! Jetzt hör auf zu flennen und schwing deinen Hintern zurück auf den Trail!

Was soll man darauf antworten? Jesus F* Christ! Jetzt summt er auch noch die Toten Hosen:
„Steh auf, wenn du am Boden bist! Steh auf, auch wenn du unten liegst! Steh auf, es wird schon irgendwie weitergeh’n!“ Ich schnalle mir widerwillig den 20-Liter-Rucksack um und reihe mich in die nächste Gruppe ein, nur damit der innere Idiot endlich die Klappe hält. Die nächsten Kilometer bringe ich irgendwie hinter mich, meist wandernd, oft um Luft ringend, das meiste habe ich verdrängt.

Und dann: Bin ich irgendwie, irgendwann wieder mittendrin. Den anspruchsvollen Downhill nach Buzet kann ich sogar richtig genießen, fetze ihn in selbstmörderischem Tempo runter und mache wieder Plätze gut.

Buzet/Halbzeit: In der örtlichen Sporthalle liegt meine Dropbag mit den Ersatzschuhen, dem Gel- und Fruchtmusnachschub und dem jetzt dringend benötigten Peronin bereit. Aus einem regelrechten Büfett kann man Minestrone, Reis, Hühnchen, Gemüse und noch viel mehr auswählen. Sensationell! Ich labe mich an der Minestrone, und Alexandre Oristil – ein Buddy aus der Legends-Trails-Familie – bringt mir ein eiskaltes Bier. Kurz bevor ich wieder starte, läuft Jason ein. Er ist der heimliche Star des Rennens. Ein tätowiertes, zauselbärtiges Original aus den USA, das im blauen Kilt und Lunas in das Rennen gestartet ist. In diesem Gelände (plus Schnee) komplett irre. Seine Füße sehen aus wie alte Kartoffeln und er flucht wie ein Seemann. Aber auch er wird finishen!

An der Mirna entlang nach Hum, der mit 30 Einwohnern kleinsten Stadt der Welt. Angeblich soll jetzt der besser laufbare Teil der Strecke kommen, doch davon merke ich nichts. Die Sonne knallt jetzt richtig runter. Umso schöner, dass ich in Hum einen Souvenirladen mit Eiscreme im Sortiment finde. Dort verkostet gerade eine deutsche Reisegruppe Trüffelöl und Wein. Nach einem kurzen Kreuzverhör versichert mir der kroatische Guide, der schon zwei DNFs auf der Strecke hinter sich hat, dass ich noch taufrisch aussehe, und spendiert mir das Eis. Hvala! Solche Kleinigkeiten können einem echt den Tag versüßen. Im Laufschritt Eis schleckend überhole ich wieder eine Reihe von Leuten. Durch die kleinen Bäche renne ich einfach durch, anstatt über fadenscheinige Felsen zu balancieren, freue mich über die Abkühlung und komme langsam wieder in den Racemodus.

Ich gebe nochmal Vollgas, brettere ins Tal runter und mache mich an den letzten harten Anstieg nach Oprtalj. Dort verpasse ich Chloe und Olivier aus der Trail-Legends-Familie nur knapp, hetze weiter, die Lupine auf voller Stufe, und in Grožnjan erwische ich sie. Gemeinsam machen wir uns auf die letzten 20 km, von denen die 13 von Buje nach Umag schon fast auf Seelevel liegen. Anfangs quatschen wir noch und halten uns bei Laune, aber irgendwann ist jeder so mürbe, dass wir schweigend wandern. Mir fallen immer wieder die Augen zu, aber kurz nach 6 Uhr, nach etwas mehr als 37 Stunden, erreiche ich mit den ersten Sonnenstrahlen das Ziel. Alles sehr leise und unspektakulär. Die Stadt schläft noch.

In der Dusche falle ich regelrecht ich mich zusammen und sitze minutenlang im warmen Wasserstrahl auf dem Boden. Mein zweiter Hundertmeiler! Schon crazy angesichts der Tatsache, dass ich vor sechs Jahren noch kettenrauchend und Bier trinkend täglich vor dem PC gesessen und Battlefield gezockt habe. Bin ich ein besserer Mensch geworden? Ich glaube nicht. Aber ich bin ein anderer geworden. Einer mit einem kleinen Teufel im Ohr, der ihn in langen Winternächten auf Registrierungsseiten von derben Ultraläufen lockt.

Fazit:
Istria100 ist ein ziemlich anspruchsvolles, aber stets faires und auf jeden Fall empfehlenswertes Rennen, das absolut professionell organisiert ist. Als UTWT-Lauf mit sechs ITRA-Punkten ist es aber definitiv kein Platz für Leute, die mal eben wegen einer Bierwette an den Start gehen wollen. Die Streckenmarkierung ist vorbildlich und die CPs sind mit allem bestückt, was das Läuferherz – und den Läufermagen – beglückt.

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