Kolumne: Hauptsache nix mit Sport!

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Hauptsache nix mit Sport!

In guten Zeiten, also so wie jetzt gerade, denke ich praktisch nie darüber nach wie es sein könnte oder wie es einmal gewesen ist. Also damals, als ich nicht laufen konnte. Nun ja. Es ist eher so: Wenn man nicht laufen möchte, dann ist es eigentlich ganz okay nicht laufen zu können. In jedem Fall ist es irgendwie schon verrückt. Verrückt, dass der Gedanke ans Laufen so stark sein kann. Wer leidenschaftlich gerne läuft hat diesen sehr pragmatischen ON-/OFF-Schalter nicht. Sich einfach damit zufriedengeben, dass man in den Tagen oder Wochen einer Krankheit, einer Verletzung oder durch andere Umstände, die oft sehr, sehr vielschichtig sind, nicht laufen kann, das geht nicht so leicht.

Ein Freund von mir, ich nenne ihn hier Manfred, obwohl er Stefan heißt, war lange verletzt. Na ja, er war schon auch selbst daran schuld. Er hatte keine Verletzung, die einfach so über ihn hereinbrach, oder eine Krankheit, die plötzlich in ihm steckte. Nein, nein. Er hatte seine Verletzung quasi herbeiprovoziert, sie so lange gekitzelt, gereizt, bis sie zuschlug. Wie bei diesen Hunden, die an sich brav sind und erst dann zubeißen, wenn man ihnen zum siebten Mal den Knochen wegnimmt oder sie so richtig fest am Schwanz zieht.
Manfred hatte also kein Pech. Es war eine logische Konsequenz seiner Unvernunft, seines Egos, Übertrainings, Überehrgeizes und ein stumpfes Ignorieren vom Ziehen und Stechen im Knie. Noch ein Lauf, noch ein Wettkampf. Sein Gejammere war ohnehin unerträglich. Irgendwann war ich sehr froh, dass er nicht mehr laufen konnte, denn das brachte mit sich, dass das Gejammere ein Ende hatte.

Ich erklärte ihm, dass er Raubbau an seinem Körper betreibe und wurde wütend. Wütend aus eigentlich nur einem Grund. Einem guten Grund. Es ging mir nicht darum, ob Manfred, ob Stefan, mehr als ich läuft, ob er besser läuft, es ging mir nur darum, dass dieser 32 Jahre junge Typ doch wissen müsste, dass er starke 40 Laufjahre vor sich hat. Vier Jahrzehnte! Ein halbes Leben auf Trails, das er im Begriff war wegzuwerfen.

Laufsport ist nicht irgendetwas, was man mal macht und dann einfach nicht mehr. Es ist auch kein Ding, das endlos robust ist. Wer wirklich lange Spaß daran haben möchte, muss neben der Sache mit dem Einen-Fuß-vor-den-anderen-setzen vor allem eines können: hören. Zuhören. Dem eigenen Körper viel Aufmerksamkeit schenken.

Im Jahr 1801 machte sich ein Mann, den sie Captain Barclay nannten, keine Gedanken darüber, ob seine Freunde verletzt oder unverletzt liefen. Außer ihm lief ja eigentlich niemand. Somit war dieser Mr Barclay aus Schottland – ein Ururenkel des Gründers der Barclays Bank – irgendwie der erste Trailrunner der Geschichte, wenn man die Jägerei der Urzeitmenschen einmal außen vor lässt. Er war betucht und Teil einer sehr privilegierten Familie, die allesamt für sportliche Kuriositäten bekannt waren. Captain Barclay selbst, so wird ihm nachgesagt, lief 100 Meilen in nur 17 Stunden und in einem Park gar 1.000 Meilen unter den bewundernden Blicken zahlreicher Zuschauer. Er soll – neben seinen Leistungen der Ausdauer – auch einen 115-kg-Mann mit nur einem Arm vom Boden auf einen Tisch gehoben haben. Welcher aktuelle Trailrunner kann das? Kilian, François, Timothy Olson oder doch Jim Walmsley?

Habe es mir erst neulich so gedacht – unsere Gesellschaft bricht auseinander. Die Meinungen, wie unser Zusammenleben in Deutschland, der EU und auf der Welt so sein sollte, gehen radikal auseinander. Es gibt vermutlich auch zu viele unterschiedliche Wahrheiten, die jeder so für sich vehement beansprucht. Laufen ist natürlich nicht die Lösung für alle Probleme, aber es könnte zumindest ein Anfang sein. Ernsthaft. Ich meine das todernst. Laufen kann bei einem selbst so manch querliegenden Gedanken wieder in die Spur bringen und als gemeinsames Hobby ganz divers lebende und denkende Menschen zusammenbringen. Das ist gut. Sehr gut sogar. Die Menschen brauchen solche Gemeinsamkeiten.

Ich finde Trailrunning-Events, Wettkämpfe, Community Runs und natürlich das TRAIL Magazin sollten von der EU subventioniert werden und von der Steuer befreit sein. Nur mal so eine Idee.
Zurück zu den Zeiten, in denen man aufgrund einer Verletzung nicht laufen kann. Was könnte man als Läufer*in eigentlich tun, wenn man nicht laufen kann?

Was tut ein Sänger, wenn er nicht singen kann? Er könnte währenddessen zumindest Texte verfassen. Ein Läufer könnte Läufe planen, Strecken planen oder YouTube-Clips von Ultratrails und Skyraces anschauen. Das könnte ihn natürlich in schwere Depressionen treiben. Also keine gute Idee.

Es hilft also das zweite Hobby. Ich rufe hiermit nun ganz offiziell dazu auf, dass jeder ambitionierte Trailrunner unbedingt eine weitere Passion braucht. Mir egal was – Hauptsache nichts mit Sport.

Ich will diesen Spruch übrigens nicht überstrapazieren. „Hey, ich laufe vor nichts davon!“ Kennt man ja. Leute die nicht laufen fragen sich völlig nachvollziehbar, wieso wir soviel rennen? Wohin? Warum? Dabei kommen sie fast logisch auf die Antwort, dass wir vor etwas davon rennen und wir, also uns, fällt nichts besseres ein als unter Protestfahnen zu kontern „Hey, ich laufe vor nichts davon!“

Wollen wir uns das künftig bitte einfach sparen. Wir wissen dich zu gut, dass wir immer ein Ziel haben. Selbst wenn ich vor etwas davon rennen würde, würde es mich einholen, denn meist laufe ich ja in Runden, mit dem selben Start und Ziel. Ich würde also immer wieder meinem feind in die Arme laufen. Nur einmal. Nur ein einziges mal bin ich wirklich vor etwas davongerannt. Es war 1979. Ich rauchte meine erste Zigarette in der Scheune meines Onkels. Irgendwann stand sie in Flammen, samt Heu, samt Geräteschuppen. Ich rannte. Und wie ich rannte.

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