Freiheit, die wir meinen

1276 0

Von Clemens Niedenthal

Die Freiheit, die wir meinen

Laufen heißt frei sein. Nicht zuletzt tragen ja diverse Laufschuhmodelle diese Behauptung im Namen. Corona hat unser Verständnis von Freiheit auf die Probe gestellt. Einige Anmerkungen.

Eben noch rannte ich auf meinen langen Läufen im Brandenburgischen durch das Fontane-Jahr. „Je freier man atmet, desto mehr lebt man“. Recht hatte er, der 1819 in Neuruppin geborene Schriftsteller Theodor Fontane. Für eine Reportage bin ich eine seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ nachgelaufen. Auf den Spuren von einem mit einem Interesse für die Landschaft und die Freiheit, die man also in ihr findet.
Nun renne ich auf meinen langen Läufen durch das Corona-Jahr. Und im Brandenburgischen war ich dabei bisher kaum unterwegs, obwohl es doch kaum 15 Kilometer vor meiner Haustür beginnt. Kurz gab es sogar das Gerücht, der Zutritt ins Nachbarbundesland sei uns Berliner*innen gänzlich untersagt. Polizei patrouillierte. Autos wurden angehalten. Die Gründe der Reise hinterfragt. War dann aber alles doch nicht so grundsätzlich. Und selbst wenn: Wäre ein solcher Platzverweis wirklich ein Eingriff in meine persönlichen Freiheitsrechte, meinen persönlichen Freiheitsbegriff?
Die Freiheit, so schrieb es einst Rudolf Virchow, sei nämlich nicht die Willkür, beliebig zu handeln, sondern im Gegenteil die Fähigkeit, vernünftig zu handeln. Und Virchow war schließlich Mediziner. Auch daran haben wir uns ja gerade gewöhnt: Die Wissenschaft hat immer recht.
Hat sie? Und ist es nicht geradezu unvernünftig, Freiheit und Vernunft gleichzusetzen? Dass es beispielsweise nicht allzu vernünftig ist, hundert Meilen oder mehr zu laufen, würde die Wissenschaft vermutlich attestieren. Wir aber haben die Freiheit dazu. Und beim Laufen dann hoffentlich ein Freiheitsgefühl.
Vielleicht beschneidet der aktuelle Corona-Modus aber gar nicht unsere Freiheit. Er führt uns im Gegenteil zu ihrem Kern. Laufen um des Laufen Willens. Alleine, ohne Selfies, Hashtags, ohne einen Instagram-Post. Auch nicht, weil für einen Ultra-Wettkampf trainiert oder unser gläsernes Strava-Profil gefüttert werden will (wenngleich Strava natürlich einer der großen Corona-Gewinner ist). Intrinsische Motivation sagt man dazu. Eine Sache ganz unmittelbar und selbstverständlich machen. So wie ein Kind plötzlich zu rennen beginnt.
Extrinsische Motivationen, Marlene Streeruwitz hat darüber einen Roman geschrieben. „Jessica, 30“ erzählt von einer, die jeden Tag läuft. Nicht um für einen Ultra zu trainieren, sondern um fit zu sein für das Hamsterrad der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft. Das Fazit: Uns muss keiner mehr gängeln, kein Fabrikdirektor und kein Oberoffizier, wir machen das schon ganz von selbst. Läufst Du noch, oder optimierst Du schon? „Das spätmoderne Subjekt ist von der permanenten Glückssuche erschöpft“, sagt dazu der Sozialpsychologe Heiner Keupp. Leistungsdruck, Erlebnisdruck – das Anstrengendste an so manchem Rennen war noch immer, es überhaupt im vollgestopften Leben unterzubringen.
Auch das ist jedenfalls eine Erkenntnis nach dreieinhalb Wochen Homeoffice: Es läuft sich viel entspannter, lustvoller und, ja, auch effektiver, wenn man seine Trainingseinheiten nicht in den frühen Morgen quetschen muss, oder den späteren Abend (in Paris übrigens durfte während des Shutdowns nur noch nach 19 Uhr gelaufen werden). Ich hätte die Freiheit, meinen Alltag so umzugestalten, dass mir das künftig öfter gelingt. Darum, neue Prioritäten zu setzen, wird es in den kommenden Monaten also auch gehen.

Die Menschheit, nicht nur in der sogenannten westlichen Welt, hat sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten spektakulär entwickelt: Mehr Menschen leben gesünder, zufriedener als je zuvor. Unsere Generationen haben eine Expansion von Freiheit und noch mehr Freiheit, von Prosperität und Sicherheit erlebt. Die Pointe dieser Geschichte: Ohne diesen Zuwachs an Sicherheit hätten wir diese Freiheit vermutlich gar nicht ertragen. Freedom is just another word for nothing left to loose, hat Janis Joplin in „Me and Bobby McGee“ gesungen. Aber eigentlich ist es genau umgekehrt: Wir haben Freiheit gerade deshalb zur Parole der Moderne erkoren, weil sie so frei von Risiken war. Aber reden wir dann überhaupt noch von Freiheit oder nur von immer mehr Möglichkeiten? Und wenn uns beim Trainingsurlaub auf den Kanaren plötzlich ein Virus überrascht, dann wird das Außenministerium schon ein Flugzeug schicken.
Wo unser Laufen an die Grenzen der Freiheit stößt? Im Stadtraum von Moskau etwa, wo bald jede Laufrunde lückenlos von Überwachungskameras und Gesichtserkennung nacherzählt werden kann. Darüber hinaus sollten wir begreifen, dass unsere Freiheit mindestens theoretisch immer Konsequenzen haben wird. Und dass gerade damit ganz praktisch ihr Wert und ihr Wesen markiert wäre.

 

Keine Kommentare on "Freiheit, die wir meinen"

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.