Faszination UTMB: Eine Wochenende am Livestream!

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Internationales Top-Trailrunning live im eigenen Wohnzimmer! Ach, nach dieser wettkampfarmen Saison wär das doch jetzt genau das Richtige. Mit dem aktuellen Aufschwung des Digitalen sollte dies doch zukünftig auch kein Problem mehr sein. Aber halt. Das hat doch schon mal ganz gut funktioniert. Wir haben diesen Archiv-Text von Chefredakteur Denis Wischniewski gefunden. Er hatte es einfach nicht geschafft selbst in Chamonix vor Ort zu sein, dabei aber festgestellt, dass man auf dem eigenen Sofa fast genauso nah dran sein kann. Am UTMB 2018!

Text: Denis Wischniewski.  Fotos: Veranstalter

 

Eine Woche Live-TV.

Ich war mir nicht bewusst, dass man so bequem an einem kompletten Trail-Rennen teilnehmen kann. Besser gesagt: an mehreren Rennen. Ich war inmitten spannender Wettkämpfe, ohne meinen Puls übermäßig hochzutreiben. Meine ganze Live-TV-Sucht begann mit Ruth Croft. Die Neuseeländerin gewann den OCC und ich folgte ihr vom Start bis ins Ziel. Irgendein ziemlich fitter Kameramann hing für eine starke halbe Stunde an ihren Fersen und ich war begeistert von den Aufnahmen. Sie rannte nach über 30 km total locker einen flockigen Downhill hinab und ich war quasi bei ihr. Imaginäre Magie. Mein aktueller Fitnesszustand würde es mir nicht erlauben auch nur 5 km mit Frau Croft zu laufen. 

Der UTMB® also. Einmal im Jahr eine ganze Woche, in der Trailrunning zu einem, sagen wir „Riesending“ wird, zu einem Spektakel, das plötzlich Dimensionen annimmt wie Fußball, Tennis oder Radrennsport. Einmal im Jahr ploppt da in Chamonix etwas auf.  Ich sollte natürlich vor Ort sein. Als Fan der Sache. Aber ich schaffe es zeitlich nicht. Ich schaffe es aber an insgesamt drei Tagen praktisch nonstop vor dem aufgeklappten Notebook zu sitzen und diese UTMB-Live-Berichterstattung zu verfolgen. Für Leute, die dem Sport nichts abgewinnen können, ist das vermutlich stinklangweilig – für mich jedoch sind diese laufenden Bilder geradezu ein Hollywood-Blockbuster. 

Der TDS.

Der Blick in die Startliste verrät: Dieser TDS steht dem UTMB in nichts nach. Im Gegenteil. Mir scheint er ist in der Spitze sogar besser besetzt. Und genau deshalb drehe ich vor dem Airbook total durch, denn vor allem das Damenrennen des 121-km-Rennens, das in Courmayeur startet und in entgegengesetzter Richtung des CCC nach Chamonix führt, ist enorm spannend. Rory Bosio aus den USA ist über weite Strecken meist dicht an der Führenden und späteren Siegerin Audrey Tanguy dran.  Bis kurz vor der imposanten Zielgeraden weiß ich nicht, wer dieses schwierige Rennen gewinnen wird. Mitfavoritin Megan Kimmel gehört zu einer großen Gruppe von Eliteathleten, die in dieser Woche die Erwartungen nicht erfüllen können, und landet auf Platz 20. Bei den Herren siegt Marcin Świerc aus Polen und versetzt seine Landsleute in einen kollektiven Freudentaumel. Um ein Haar hätte erstmals ein Russe den seit 2003 existierenden UTMB-Wettbewerb gewonnen. Dmitry MItyaev wird am Ende Dritter. Ach ja. Dieser Dylan Bowman aus den USA sah wie der Sieger aus und ließ die letzte Aid-Station einfach links liegen. Ich rufe meiner Freundin zu: “Schatz! Schau dir diesen Bowman an. Was ’ne coole Socke. Rennt einfach durch. Der will es jetzt wissen!“ Sie rennt an den Rechner. Sie ist keine Trailrunnerin, aber dieses Live-TV hat sie nun auch voll in seinen Bann gezogen. Bowman muss bitter für seinen Husarenritt bezahlen, er bricht ein. So muss ein Rennen an der Spitze sein. Wow. Auch hier gibt es Favoriten, die nicht das Ziel erreichen: Hayden Hawks, Ludovic Pommeret oder Pablo Villa. Man wusste es schlicht über viele Jahre hinweg nicht, aber nun ist es eine Tatsache: Trailrunning, Ultratrail in diesem Gelände und über solche Distanzen kann ein perfekter TV-Sport sein. Wenn … ja, wenn man diese Übertragung so konsequent umsetzt wie der UTMB. 300.000 Euro hat das ganze gekostet. Ehemalige Spitzenläufer wie Seb Chaigneau als laufende Kameramänner auf der Strecke, gute und authentische Kommentatoren, die den Sport lieben und verstehen, die kein Müll daherreden, sondern informieren und unterhalten.

 

Der CCC

Noch im Januar hat Mia Yao, die junge Chinesin, beim Hong Kong 100 als souveräne Siegerin im Ziel verkündet, dass sie bald nach Europa kommen und dort alle Rennen dominieren würde. Es waren keine leeren Phrasen. Mia Yao demonstrierte ihre Stärke und siegte beim CCC mit über einer halben Stunden Vorsprung zu Katie Schields (USA) und der mehrfachen Transvulvcania-Siegerin Ida Nilsson. Ihr Partner Min Qi hätte es ihr gleichtun können, wäre da nicht ein noch stärkerer Thomas Evans, der seinen Sponsor Hoka One One nun endgültig auf die Landkarte brachte. Hoka und seine Athleten waren mehr als präsent in dieser Woche. Eine tolle Saison fand mit Rang 3 für Pau Capell ein Happy End. Der Spanier gehört nun definitiv zu den besten Ultratrail-Läufern der Welt. Seine Beständigkeit ist einmalig.


Der UTMB

Freitag. 17 Uhr 57. Ich schreie meiner Lebensgefährtin zu: “Es geht los. In drei Minuten. Komm. Komm. Hier, guck, der Walmsley. Und hier der Kilian. Da muss auch irgendwo der Flo Felch stehen. Hier, schau, die Chaverot. Krass. Das ist Stephanie Howe. Ja, die Blonde da. Die hat mal den Western States gewonnen.“ Ich bin nervös. Als ob ich selbst da am Start stehen würde. Bis 22 Uhr liegt das Notebook aufgeklappt auf dem Couchtisch. Alles sieht so aus, wie man es sich gedacht hatte. Jim Walmsley an der Spitze. Dahinter Kilian, Zach Miller, dann Leute wie Luis Alberto und Xavier Thévenard. Xavier Thévenard. Alles sprach im Vorfeld über Kilan, Miller und Walmsley. Über Thévenard fast kein Wort. War er es doch, der zweimal den UTMB gewann und übrigens alle anderen Wettbewerbe auch. Als bislang einziger. Auch bei den Damen ein Bild wie erwartet. Carolin Chaverot ist vorne. Mir fallen die Augen zu.

Um 7 Uhr 14 Uhr öffnen sich meine Augen wie Garagentore. Ich schlurfe ins Wohnzimmer, klappe die Kiste auf und aktualisiere den Browser. Ich brülle meine Liebste wach, die überraschenderweise nicht sauer ist, sondern tiefdankbar, dass ich sie informiere. „Kilian ist raus! Mimi Kotka ist raus!“ Bis zum Abend hängen wir vor dem Screen. Wir sind Junkies. Das komplette Gegenteil derer, die da auf dem Bildschirm laufen. Xavier Thévenard läuft bei Kilometer 140 auf Zach Miller auf und mir wird schnell klar, dass Miller Probleme hat und Thévenard gewinnen wird. Ansonsten ist der Lauf geprägt vom Favoritensterben. Luis Alberto raus, Jim Walmsley, der Topfavorit … ja, wo ist der überhaupt? Noch im Rennen?

„Duuu, der Walmsley ist noch im Rennen! Der ist nicht ausgestiegen. Schätz mal, wo der jetzt liegt!“

„Auf Platz 50? Beim Flo Felch!“ 

„Nöööö. Der ist auf 467!“ 

Jim Walmsley hatte wohl eine üble UTMB-Nacht. Was ein Kämpfer, was eine Moral. Wir sehen also live, wie Xavier Thévenard ins Ziel einläuft. Ein perfektes Rennen und die Franzosen lieben ihn, feiern ihn. Er wird von Menschenmassen bis an die Ziellinie eskortiert. Uns kullern Tränen runter. Bei den Damen rollt die routinierte Italienerin Francesca Canepa das Feld mit Ruhe und Ausdauer von hinten auf und gewinnt etwas überraschend den UTMB vor der Spanierin Uxue Fraile und Jocelyne Pauly aus Frankreich. Der Sieg Canepas zeigt einmal mehr, dass die jungen Wilden eben doch nicht so einfach einen schwierigen Ultra gewinnen. Cat Bradley aus den USA setzte mit Platz 6 dennoch ein Ausrufezeichen. Lucy Bartholomew startete noch nicht beim UTMB und landete beim OCC auf einem relativ bescheidenen Platz 11. Der UTMB wird dennoch auf die neue Generation warten – es ist noch genug Zeit.

Der UTMB, die ITRA, die Polettis und die Diskussion um Namensrechte und Quali-Punkte. All das sind wichtige Dinge, die man kritisch diskutieren muss. Der Sport wird vor allem durch den UTMB ein ganzes Stück größer, professioneller und kommerzieller. Jedoch bekommt Trailrunning auch einen Auftritt, eine tolle Bühne. Einmal im Jahr. Bei allem Gigantismus ist der UTMB in der 16. Auflage  immer authentisch, faszinierend und hochspannend.

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