Elbrus Skyrace – die KOMPLETTE Wahrheit hier!

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Im aktuellen Printheft wurde aufgrund eines technischen Fehlers ein Teil des Textes zum ELBRUS SKYRACE “verschluckt”.
Wir sagen SORRY und liefern euch auf diesem Wege den ganzen Text nach:


5642 ist nicht nur der Name eines russischen Bieres, auch der Westgipfel des Elbrus, und damit ist er der höchste Berg Kontinentaleuropas, 5642 m hoch. Im Gegensatz zum Bier (und ich habe den Berg wie das Bier probiert) hat der Elbrus zudem einiges zu bieten. Und so lud der russische Outdoor-Ausrüster Redfox nun schon zum achten Mal in das Dorf Azur (ganz augenscheinlich weder verwandt noch verschwägert mit der Côte d’Azur), am Fuße des Elbrus.

Mir waren die ersten sieben Auflagen des Elbrusrace allerdings entgangen. Und deshalb dachte ich mir noch nicht allzu viel, als mich Denis vom TRAIL-Magazin anrief und sagte: „Du, ich habe da eine geniale Veranstaltung und ich glaube, dir würde das ganz gut liegen. Es geht nach Russland für acht Tage.“ Der Haken: Es sollte bereits zehn Tage später losgehen und so brauchte Denis binnen Stunden meine Antwort.
Einen Trail-Run, also als Wettbewerb, wollte ich als passionierter Kletterer und Tourengeher ohnehin schon immer mal machen und so überlegte ich nicht lange. Mein Übermut sollte sich noch rächen. Denn ich hatte die Höhe, und auch sonst so einiges völlig unterschätzt. Aber dazu später mehr.

Ausrüstung, Visum, ärztliches Attest, Versicherung, Informationen zur Akklimatisierung und zur Topografie mussten erstmal in Windeseile organisiert werden. Ich war ziemlich unsicher, was ich an Kleidung und Equipment mitnehmen sollte und froh, als ich erfuhr, dass Michael Raab, ein erfahrener Ultra-Läufer aus München, ebenfalls am Rennen teilnehmen würde. Nachdem Steigeisen, Bergstiefel, Stöcke, Thermoskanne, Daunenjacke eingepackt waren, stopfte ich doch noch kurz entschlossen meine Tourenskiausrüstung dazu, um damit die Akklimatisierungstouren zu machen.

Die Luft wird dünner
Der Flug nach Moskau war unspektakulär, auf dem Inlandsflug nach Mineralnye Vody wurde es schon spannender. Kyrillisch machte es mir unmöglich, etwas zu lesen, geschweige denn zu verstehen und selbst die Flugbegleiterinnen konnten kaum Englisch. Vom Flughafen ging es mit dem ganzen Gepäck weiter in einem Minibus nach Azur. Was der Bus an Alter zu viel hatte, machte er durch Geschwindigkeit wieder wett. Zudem wurde die Fahrt von einer skurrilen Passkontrolle mitten in der Nacht unterbrochen. Schwer bewaffnete Soldaten ließen uns aussteigen und wir mussten uns in einer kleinen Hütte registrieren. Gleichzeitig quälte mich eine Magenverstimmung und ich freute mich unheimlich, als ich völlig erschöpft um 3 Uhr morgens endlich in einem Hotelzimmer lag.
Der nächste Tag begann früh, viel zu früh. Aus dem Bett zu kommen war nicht einfach, aber ich hatte keine Wahl. Denn die einzige Chance, dieses Rennen zu schaffen – zu so viel Vernunft und Vorbereitung hatte es immerhin gereicht – war, mich gut und ausgiebig zu akklimatisieren. Denn der Luftdruck nimmt in der Höhe ab und damit benötigt Luft ein größeres Volumen. In 5500 m Höhe fällt der Partialdruck des Sauerstoffs auf die Hälfte im Vergleich zum Meereslevel. Der Körper probiert dies durch eine höhere Atemfrequenz, einen hohen Ruhepuls und vermehrte Produktion roter Blutkörperchen auszugleichen. Dafür benötigt er aber Zeit. Schafft er diese Anpassung nicht, kann es zur Höhenkrankheit kommen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Husten, Schlaflosigkeit, Leistungsabfall, Schwindel und Benommenheit sind nur einige der Symptome. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Hirn- oder Lungenödem. Daher wollte ich gut vorbereitet sein und mich in den nächsten Tagen darauf konzentrieren, viele Höhenmeter zu machen.
So sah ich die Umgebung, in die es mich quasi gebeamt hatte, zum ersten Mal im Tageslicht: Meine Skier hatte ich an meinen Rucksack geschnallt und lief müde Richtung Gondel. Das Dorf steht auf einer Geröllhalde. Eine riesengroßes, niemals fertiggestelltes Hotel thront dominant im Dorfkern. Ein ziemlich trostloser Anblick. Ein paar kleine Buden bieten Schaffelle und Wodka an. Am Straßenrand werden auf kleinen Grills Lammspieße gebraten und verkauft. Doch davon hielt ich noch Abstand, denn mir ging es immer noch nicht viel besser und meine Selbstsicherheit war nur dadurch gegeben, dass ich eine große Rolle Toilettenpapier eingepackt hatte.

Bikinis und
Gletscherbrillen
Ich kämpfte mich durch das komplizierte System der Lifte. Drei verschiedene Besitzer mit unterschiedlicher Geschäftstüchtigkeit machten es nicht leicht, alles richtig zu verstehen und auch die Liftangestellten, bewaffnet mit Pfefferspray und Gummiknüppel, vermochten es nicht, jedwede Orientierung zu vermitteln. Doch nach einigen ausgetauschten Rubeln fuhr ich zur Mittelstation, welche bereits auf 3500 m liegt und damit in den nächsten Tagen immer wieder Ausgangspunkt für meine Akklimatisierungstouren werden sollte. Die Stimmung war genial, überall waren Läufer, Hunde mit Gletscherbrillen, Bergsteiger mit 120-l-Rucksäcken, Tourengeher und halbnackte Frauen auf der Piste. Im Bikini Skifahren, was für ein Land und was für ein Trip. Mein Grinsen ging mir bis zum Ende dieser Reise nicht mehr aus dem Gesicht.
Meine Akklimatisierungstouren machte ich zumeist gemeinsam mit Michael Raab, was sehr hilfreich war, denn die Höhe macht einen langsam und träge. Zu zweit macht Quälen einfach mehr Spaß. Temperaturen von 15 Grad unter null und dementsprechend eisige Winde setzten Fingern und Füßen zu.
Jeden Tag lernte ich etwas dazu. Die Handschlaufen nicht benutzen, wenn die Finger zu kalt werden, die richtige Stocklänge einstellen, um eine optimale Durchblutung zu bekommen, ein konstantes Tempo finden, möglichst wenig schwitzen, die Zehen bei jeden Schritt bewegen, die Kleidung richtig nutzen und regelmäßig trinken, damit der Verschluss der Trinkflasche nicht einfriert. Dennoch war für mich schon bei den Akklimatisierungstouren schnell klar, dass diese Unternehmung sehr, sehr schwierig werden würde. Nein, noch schwieriger als das. Immer wieder machten Kopfschmerzen ein weiteres Aufsteigen unmöglich und so kam ich nie höher als 4800 m. Doch ich hatte nicht mehr Zeit und musste einfach im Rennen schauen, wie es ging.

„Davaj, Davaj!”
Das Gute war, dass es ein Qualifikationsrennen für den Skymarathon gab und dieser Lauf eine erfreuliche Abwechslung zwischen den Akklimatisierungstouren war. Vom Tal aus waren 1000 hm zu überwinden. Ein Vertical K also, und nur, wer den in einem gewissen Zeitfenster läuft, hat sich für das eigentliche Elbrus-Rennen qualifiziert. Um welche Zeit es dabei ging, konnte ich nicht herausfinden. Egal, ich qualifizierte mich mit einer Zeit von deutlich über einer Stunde dennoch für den Lauf.
Es war ein tolles Gefühl, in der Sonne mit Trailschuhen und Shorts auf dieser Höhe zu laufen. Und zum Glück hatte ich intuitiv begriffen, dass das Tempo vor allem auf den ersten Metern entscheidend war: Denn auf den steilen Pisten ging es nur in der Karawane nach oben, überholen kostete unheimlich viel Kraft. So kämpften sich 250 Läufer in einer nicht endenden Kette anfangs über Geröll und ausgespülte Wassergräben und später auf den Pisten bis zur Mittelstation der Seilbahn hoch. Die Stimmung war beeindruckend. Überall wurden die Teilnehmer angefeuert – „Davaj, Davaj!“
Trotz der Anstrengung kam ich strahlend ins Ziel. Ich hatte meinen ersten offiziellen Trail-Lauf in den Bergen absolviert, nicht an der Zugspitze, auch nicht in den Dolomiten. Sondern in einer anderen Welt. Das Bergpanorama um mich herum war gigantisch. Ich schaute immer wieder Richtung georgische Grenze auf ein paar Nordwände, die sofort den Alpinisten in mir weckten. Und konnte es kaum glauben, dass es durch die politische Situation absolut unmöglich ist, eine Genehmigung zur Besteigung zu bekommen.
Der eigentliche Skymarathon war aufgeteilt in zwei verschiedene Strecken. Wer sich richtig quälen wollte, startete von ganz unten im Dorf Azur und lief bis auf den Gipfel. Eine Strecke mit gut 3000 hm und rund 14 km Länge. Alle anderen starteten von den Schutzhütten auf 3600 m und verkürzten damit um knapp 1100 hm. Für mich war von Anfang an klar, dass ich nur eine Chance auf den Gipfel hatte, wenn ich die kürzere Strecke laufe. Und so fand ich mich morgens um 7 Uhr, mit Bergstiefeln und Steigeisen, voller Motivation in einer Gruppe von 100 Leuten wieder, um den Elbrus zu besteigen. Die Zeitlimits waren diesmal klar. Wer es nicht vor 12 Uhr zum Sattel (5300 hm) schafft, wird zurückgeschickt. Danach hat man weitere zwei Stunden Zeit um die letzten 342 hm zu machen. Ab 14 Uhr steigen die Zeitnehmer vom Gipfel ab und nehmen alle mit runter.  
Mit dem Startschuss stürmten alle davon, ich konnte meinen Augen nicht trauen. Eine Frau vom russischen Militär nahm sofort die Pole-Position ein und verschwand in wenigen Minuten aus dem Sichtfeld. Ich konnte mit dem Feld nicht mithalten und stapfte ruhig im hinteren Drittel mit. Das Wetter war gut, es war nicht zu kalt und ein leichter Wind wehte. Ich kannte die Strecke sehr gut und merkte, dass ich trotzdem schnell unterwegs war. Auf 4100 hm kam die Dieselhut und war für mich der erste markante Weg-Punkt. Ab diesen Punkt ging es steil herauf und hier konnte ich die ersten Läufer überholen. Das nächste Ziel sind die Pastuchova Felsen auf 4640 hm. Eine kleine Verpflegungsstation war aufgebaut und es für mich die erste kurze Pause. Es fällt mir schwer, etwas zu mir zu nehmen und ich merke, dass mir unter der Anstrengung die Höhe noch mehr zu schaffen macht. Mit reduziertem Tempo gehe ich weiter. Zeitlich bin ich gut unterwegs und versuche, meine Kräfte ein zuteilen. Da kamen auch schon der Sieger des Rennes an mir vorbei, Karl Eglof zieht in einem für mich unbegreiflichen Tempo vorbei und kurz darauf kommt der Schweizer Paskal Egli, der, nach dem Gesichtsausdruck zu beurteilen, das Rennen genießt. Doch dann kommen mit jedem Schritt stärkere Kopfschmerzen dazu. Ab 4800 m auch noch trockner Husten, den ich nur schwer einschätzen kann. Jetzt merke ich, dass ich einfach zu wenig Erfahrung mit der Höhe habe. Der Blick auf den Höhenmeter wird regelmäßiger … 4820 m, 4825 m, 4827 m, 4828 m, 4828 m….bald muss ich mich zwingen, nicht mehr auf die Uhr zu schauen und brauche immer wieder Pausen. Der Husten wird immer stärker und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mein Kopf jeden Moment platzen wird. Hier ist auch der Moment, wo der älteste Teilnehmer des Feldes, beeindruckende 80 Jahre, in einem konstanten Tempo in gebeugter Haltung an mir vorbei zieht. Ich bin beeindruckt und gleichzeitig gebe ich mich geschlagen.

Scheitern
auf hohem Niveau
Zwar quälte ich mich noch bis auf 4900 hm, aber auch nur, um noch den nächsten Wegpunkt zu erreichen. Eine liegengebliebene Pistenraupe. So wie das Blechmonster hier völlig verloren steht, fühle ich mich auch. Immer wieder kommen Läufer, nicken mir aufmunternd zu, aber durch die Sturmmasken und die Skibrillen, die nun viele aufgrund des aufkommenden Windes tragen, wirken sie wie anonyme leblose Roboter, die langsam um mich herum auf den Gipfel steigen. Ich will nur runter und packe meine Thermoskanne weg und drücke meine Powerbars den nächsten Läufern in die Hand, die mich, selbst völlig erschöpft, auf Russisch nochmal aufbauen wollen, doch ich habe nicht mal mehr Lust, ihnen zu erklären, dass ich nichts verstehe. Ich steige einfach nur langsam, Schritt für Schritt ab und versuche meine Emotionen in den Griff zu bekommen. „Merk dir, wie schlecht es dir geht, nicht das du es später bereust, dass du umgedreht bist!” sage ich mir immer wieder leise.
Klar war ich enttäuscht, nicht oben zu stehen, aber die Eindrücke und Erfahrungen, die ich dabei sammeln konnte, sind für mich von viel größerer Bedeutung. Die Gastfreundschaft und die Menschen, die ich dort kennenlernen konnte, haben mich unheimlich beeindruckt und ich brauchte eine ganze Weile, um nach dieser Woche wieder in den Alltag zu kommen. Nächstes Jahr wieder? Aber ein paar Tage länger und vielleicht passen meine Eisäxte auch in die Tasche!

ELBRUS SKYRACE
Das Elbrus Skyrace ist Teil der Sky Runner Series Russia – doch ein komplexes alpines Abenteuer und kein reines Trail Race
www.elbrus.redfox.ru/en/

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