„Eine große, gemeinsame Sache“

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Jonathan Wyatt war Berglaufweltmeister, siebenmal in seiner Karriere. Seit einem Jahr ist der Neuseeländer mit Wohnsitz in Val di Fiemme Präsident der Word Mountain Running Association (WMRA) und verknüpft das Ehrenamt mit einem hehren Ziel: einer gemeinsamen Weltmeisterschaft aller mit dem Laufen in den Bergen befassten Weltverbände. 2021 könnte es soweit sein.

Hallo Jonathan, du bist ja auch so etwas wie ein Elder Statesman unseres Sports. Dich jetzt in der Position eines Verbandspräsidenten zu sehen, das hat uns dann aber schon überrascht.
Soll ich ganz ehrlich sein?
Das Ganze ist ja ein Ehrenamt und zudem ein echt stressiger Job. Präsident der World Mountain Running Association wird man nicht, weil man sich davon viel Geld, Ruhm oder ein glamouröses Leben verspricht. Immerhin, ich reise gerade viel, aber das hatte ich mir so auch nicht vorgestellt.

Also direkt gefragt: Warum tust du dir das an?
Ich hatte das Gefühl, dem Sport etwas zurückgeben zu wollen. Vor allem aber: Wenn ich nicht mit ein paar anderen engagierten Leuten die Initiative ergriffen hätte, wäre die Sache mit dem Berglauf, zumindest international, vielleicht bald zu Ende erzählt gewesen. Der Berglauf tut sich ja traditionell schwer mit Sponsoren und sowieso mit der medialen Präsenz. Wenn dann noch das Engagement des jeweiligen nationalen Leichtathletikverbandes ausbleibt, wird die Luft irgendwann dünn.

Diesen Eindruck hinterließ die diesjährige Berglauf-WM über die Langdistanz an der Schneekoppe: ein saustarkes, kompetitives Feld auf einem ausbaufähigen interessanten Kurs unter Ausschluss der Öffentlichkeit …

Genau das dachte ich bei diesem Rennen auch. Das war sowas von schade und das wird es in dieser Form auch nicht mehr geben.

Dabei boomt es doch eigentlich, das Laufen in den Bergen. Wie kam es, historisch betrachtet, zur Aufsplitterung in so verschiedene Begriffe, Verbände und Rennformate?
Das ist tatsächlich eine gute Frage. Ich denke, dass sich der Sport an unterschiedlichen Ecken der Welt unterschiedlich entwickelt hat und dass dann einfach lange niemand da war, der diese Fäden wieder zusammengeführt und neu verknotet hat. In den Alpen oder Pyrenäen dominierte Sky Running mit seiner ausgesprochenen Nähe zum Alpinismus. Daneben blieb der klassische Berglauf überall dort populär, wo er noch eine Lobby in den Leichtathletikverbänden hatte. Und dann war da noch Trailrunning mit seinem deutlichen Fokus auf die Massenmärkte, also weniger wettkampffokussiert und auf eine sympathische Weise offen für viele. Es ist sicher nicht ganz falsch zu sagen, das Trailrunning in dieser Form auch von den Herstellern erfunden worden ist.

Ist es so einfach, dort die Marken, hier der Verbandssport?
Dieser Vorwurf ist ja so alt wie die ersten populären Marathonevents. Überall dort, wo Athleten Leistungen erbringen, die nicht Woche für Woche abrufbar sind, müssen sie sich entscheiden, wo sie starten. Ob das nun der Verband durchdrückt oder der Sponsor: Beides ist suboptimal. Deshalb ist, und zwar von allen Seiten, ja zuletzt der Wunsch gewachsen, einmal im Jahr diese gemeinsame Bühne zu haben. Die Gespräche mit der International Trail Running Association (ITRA) und der International Skyrunning Federation (ISF) sind gut und ich sage jetzt mal: Bereits 2021 könnte es soweit sein.

Du sprichst ja jetzt als Präsident der WMRA – reden wir also über Distanzen vom Veritical K bis zu einem Skyrace von gut 30 km, den bisherigen Berglauf-Distanzen also?
Wir reden über alle Distanzen bis zu den 80 km einer typischen Ultratrail-WM und gerne auch darüber hinaus. Wir reden von einer wirklich substanziellen Veranstaltung, einem Mountain Running Festival von vielleicht einer Woche Dauer, einer großen gemeinsamsen Sache unter dem Dach des Internationalen Leichtathletikverbands.

Darin kann man jetzt durchaus eine Lust am Event erkennen. Da werden manche fragen, wo es noch hingehen soll? Zu den Olympsichen Spielen?
Olympia ist ein gutes Thema. Einerseits würde ich nämlich sagen, dass eine solche globale und mediale Präsenz genau das Tool wäre, das eine Professionalisierung des Sports ermöglichen würde. Das Athleten ein Auskommen sichern könnte, sei es über die neue Popularität oder über die Fördertöpfe der Sportverbände. Anderseits ahnen wir alle, was olympisches Mountain Running bedeuten würde: ein telegen zu vermarktender Rundkurs von allenfalls 10 km, am Ende gar mit einem künstlich angelegten Parcours. Das wäre so weit weg vom Selbstverständnis unseres Sports, dass ich es mir ehrlich gesagt nicht wünsche und auch nur sehr schwer vorstellen kann.


Berglauf VS. TrailRunning
Ich denke, dass sich der Sport an
unterschiedlichen Ecken der Welt
unterschiedlich entwickelt hat und lange niemand da war,
der die Fäden wieder zusammengeführt hat.

Aus deinem Mund hat das Gewicht: Schließlich hast du, 1996, selbst an den Olympischen Spielen teilgenommen.
Auf den 5.000 m, also einer Distanz, die genau dort hingehört: ins Stadion.

Warum bis du damals raus aus dem Stadion, weg vom Asphalt?
Weil es keine schönere Art zu laufen gibt als jene in den Bergen. Ich bin rückblickend beinahe froh darüber, dass es diesen Sport Anfang der 1990er Jahre so noch nicht gegeben hat. Sonst wäre ich definnitiv früher Mountain Runner geworden – und um eine olympische Erfahrung und einige schnelle Straßenmarathons ärmer.

Du sprichst einen Paradigmenwechsel an: Lange waren Trail-Läufer Quereinsteiger, Spätberufene. Leute wie Rémi Bonnet oder Lucy Bartholomew aber liefen schon als Teenager die ganz langen oder steilen Dinger.
Diese Entwicklung ist da und ich habe durchaus auch das Gefühl, dass es auch auf den langen Distanzen noch einmal kompetitiver geworden ist, nehmen wir nur den diesjährigen UTMB. Auch deshalb hat Mountain Running eine begeisternd aufgezogene, den ganzen Sport abbildende Weltmeisterschaft verdient.

Was erwiderst du nun aber Kritikern, die da nur schon wieder das nächste Event fürchten?
Dass kein Schuh an alle Füße passt. Natürlich soll und muss es weiterhin kleine, autonome und unangepasste Rennen geben. Einladungsläufe ganz ohne Wertung, Fastest Known Times und so weiter. Und sowohl die Verbände als auch die Industrie wären schlecht beraten, nicht genau hinzuschauen, was da im Untergrund oder von mir aus auch in der Avantgarde passiert. Umgekehrt, und ich spreche jetzt nicht als Funktionär sondern der Athlet, liebe ich aber einfach dieses Gefühl, das sich einstellt, sobald ich mir eine Startnummer auf das Trikot geheftet habe. Und ich weiß, dass es vielen da draußen ganz genauso geht.

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