Eine FKT auf dem Lechtaler Höhenweg?

Von Florian Flech

Es ist kurz nach Mitternacht. Kleine Nebelfiguren tanzen durch den Lichtkegel meiner Stirnlampe. Ich denke mir Geschichten zu ihnen aus. Jeder Atemzug eine neue, kleine Episode. Es ist kalt. Knapp unter dem Gefrierpunkt. Seit 14 Stunden bin ich jetzt auf den Beinen. Vor mir tritt ein Wegweiser aus der Dunkelheit. Es ist der Ort, vor dem ich mich seit Stunden fürchte. Ich muss mich entscheiden. Jetzt. Links: Vernunft – Abbruch – Hanauer Hütte, Richtung Tal. Eine gute Stunde und ich sitze im warmen Auto. Oder rechts: Weiter – Kübelwände – Muttekopfhütte. Nochmal zwei alpine Scharten. Nochmal auf 2600m. Nochmal 6 Stunden durch diese eisige Nacht. Ich bleibe stehen. Ich richte meinen Blick nach oben. Sterne. Klein, weit weg, teilnahmslos. Sie geben mir keinen Rat.

30 Stunden zuvor, am heimischen Rechner. Dar war das noch ein sehr berechenbares Spiel. Ein paar Klicks und der Track steht. Große Bergwelt auf 570kB: der Lechtaler Höhenweg. Von Stuttgarter Hütte bis Anhalter Hütte. Samt Zu- und Abstieg. 79km und 6400hm. Kein Pillepalle, aber auch nichts was mir fremd ist. „12er Pace … gut 15 Stunden … das sollte doch hinhauen.“ Klar, ein bisschen Literatur zu den technischen Anforderungen wäre hier wohl angemessen. Gerade, da mir das Gebiet gänzlich fremd ist. Aber eine ordentliche Portion Überheblichkeit und die schlichte Angst vor einschüchternden Schilderungen verleiten mich zu einer vorsätzlichen Ahnungslosigkeit. Und so stehe ich am folgenden Tag an der Bushaltestelle in Zürs. Wie ein kleiner Schuljunge an seinem ersten Schultag. Voller unschuldiger Vorfreude, nur ohne Schultüte. Ich habe keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Zum Glück. Es ist 10:25 Uhr. Ich laufe los.

Die ersten Stunden. Der Himmel klart auf. Die Gipfel schälen sich langsam aus den letzten Wolkenfetzen. Es ist atemberaubend. Ein Drama aus Stein, Licht und Himmel. Riesige Felspyramiden bauen sich vor mir auf. Smaragdgrüne Seen bilden unwirkliche Farbkleckse in den kargen Schuttkesseln. Steile Grashänge schimmern in leuchtendem Grün. Der Weg nutzt geschickt jede Schwachstelle in den unüberwindlich scheinenden Felswänden. Ein stetes Auf und Ab. Und mit jedem Schritt wird mir klarer: das ist fremdes Terrain. Es sind andere Wege. Es ist eine andere Logik. Ich muss mich anpassen. Eine Metamorphose. Vom zeitgetriebenen FKT-Junkie – zum demütigen Bergläufer. Vom Laufen gegen die Zeit – zum Laufen mit dem Berg. 

Kilometer 38. Sonnenuntergang. Ich erreiche einen kleinen Absatz an der Seescharte. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen diesen Ort in blassrotes Licht. Ich muss mich umziehen, nachtfertig machen. Erst jetzt merke ich die Kälte. Meine Finger sind taub. Reisverschlüsse werden zur zeitraubenden Tortur. Alles dauert ewig. Ein eisiger Windstoß mahnt mich zur Eile. Ich darf nicht auskühlen. Ich muss weiter. Es wird Nacht.

Ich stehe auf einem schmalen Grat. Angeblich auf 2600m Höhe. Zwischen Großbergspitze und Schieferscharte. Mein Lichtkegel tastet unruhig die nächsten Meter ab. Nichts. Kein Weg. Keine Markierung. Nur Stein und schwarzer Abgrund. Nein, das ist definitiv kein guter Ort, um verloren zu gehen. Ein Anflug von Panik wäre jetzt durchaus ok. Aber ich bin ruhig, fast schon gelassen. Es ist erstaunlich. Trotz ihrer Rauheit, trotz ihrer Gewaltigkeit – ich spüre keinerlei Feindseligkeit in diesen Bergen. „Es sind nicht die Berge, die die Nacht gefährlich machen. Das bin nur ich, als Mensch, mit meinen verkümmerten Sinnen und meiner Ungeduld.“ Ich suche weiter. Geduldig. Und dann sehe ich sie. Eine logische Linie im Fels. Ich folge ihr. Ich bin wieder auf dem Weg.

22:51 Uhr. Wie eine geducktes Tier liegt sie in der Senke – die Steinseehütte. Ein kleines, tückisches Irrlicht. Unverhohlen wirbt sie mit Verlockungen wie Essen, Wärme und Schlaf. Ich denke an Odysseus und seine Sirenen. Ich schleiche mich vorbei, dimme mein Licht. Als könnte jeden Moment jemand herauskommen und mich zurechtweisen, mich aufhalten. Erst nach ein paar hundert Metern halte ich inne. Ich drehe mich um. Im schwachen Notlicht der Eingangstüre erkenne ich eine Person. Sie ruft mir etwas nach. Das Rauschen des Baches übertönt es. Ich kann mir vorstellen, was sie mir sagen will. Aber ich will es nicht hören.

Und so schlage ich mich weiter durch diese mondlose Nacht. Durchsteige steile Scharten. Balanciere über vereisten Fels. Verliere den Weg. Und finde ihn wieder. Versuche zu Laufen. Versuche mich warmzuhalten. Eingehüllt in einer unendlichen Stille. Umgeben von gigantischen Konturen. Meine Ressourcen schwinden. Verpflegung. Licht. Mein Wille. Alles wirkt zu klein, zu schwach in Gegenwart dieser Dimensionen. Zweifel kommt auf. Er wird dichter. Wie die Nebelfelder, die jetzt aus dem Tal aufziehen. Der Abbruch ist jetzt kein fernes Szenario mehr, er ist eine naheliegende Option. Eine bittere, aber wichtige. So stehe ich letztendlich an besagter Weggabelung. Ich spüre in mich hinein. Da ist Angst. Angst vor dem Aufgeben, vor dem Scheitern. Vor den Stunden und Tagen danach. Ich weiß, Angst ist kein guter Ratgeber. Aber er ist der einzige, den ich gerade habe. Also laufe ich los. Nach rechts. SMS nach Hause: „… ich muss das jetzt zu Ende bringen.“ 

Die kommenden Stunden sind brutal. Die Orientierung in den dunklen Steilflanken der Kübelwände ist extrem schwierig. Verblocktes, unübersichtliches Gelände. Nur ein äußerst fragiles Konstrukt aus GPS, Intuition und Glück hält mich auf dem Weg. Und dennoch – ich fühle mich jetzt leichter. Ich habe keine Wahl mehr. Es gibt kein Zurück mehr. Wie ein Stück Holz, das in einen reißenden Bach gefallen ist. Alles fokussiert sich. Mein Tun, mein Wille, mein Stolz. Ich werde nicht untergehen … 

Und dann spuckt mich die Nacht einfach wieder aus. Ein blasses, violettes Leuchten am Horizont. Darunter ein unendliches Wolkenmeer. Durchbrochen von dunklen, felsigen Inseln. Demütig und dankbar betrachte ich dieses Schauspiel. Glücklicherweise kommen bereits die ersten Autos das Hahntennjoch heraufgekrochen und nehmen etwas Pathos aus dieser Szenerie. Sonst hätte ich hier irgendetwas von „Tränen in den Augen“ schreiben müssen.   

Die letzten Kilometer sind harmlos. Zu harmlos. Keine Anspannung, kein Adrenalin kaschiert mehr die Verschleißerscheinungen. Jeder Kilometer wird zur Ewigkeit, zum kleinen Martyrium. Und irgendwann stehe ich dann doch an diesem Parkplatz, meinem Ziel. Ich stoppe die Zeit: 21 Stunden 38 Minuten 21 Sekunden. Und jetzt? Es passiert nichts. Kein überschwängliches Glücksgefühl. Kein „Abenteuer meines Lebens“. Keine Finishermedaille. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das jetzt was Großes war oder einfach nur Schwachsinn. Ich bin einfach nur froh, dass ich nicht mehr laufen muss. Ich steige in mein Auto und fahre los. Ich muss nach Hause. Ich muss packen. In zwei Stunden wollen wir in den Urlaub fahren.

Strecke:

  • Start: Zürs (1720m)
  • Ziel: Pfafflar Plötzigtal (1350m)
  • Distanz: 78,9 km (77% über 2000m)
  • Höhenmeter: positiv 6410hm / negativ 6780hm
  • Höchster Punkt: 2657m (Großbergspitze)

Verpflegung: 8x Gels; Bachwasser

Logistik: per Bus (Linie 155, 110 & 92) von Haltestelle „Pfafflar Plötzigtal“ nach „Zürs Posthaus“; Dauer ca. 2 Stunden

Internet:
http://www.lechtaler-hoehenweg.at/
https://fastestknowntime.com/route/lechtaler-hohenweg-austria