EIN TEAMSPORT FÜR INDIVIDUALISTEN

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Wir sind ein Team, eine Mannschaft. Unser Teamsport ist TrailRunning und unser Spielfeld sind die Berge. Aber, kann Laufen überhaupt ein Teamsport sein? Um später, wenn man groß ist, ein guter Team Player zu sein, muss man Fußball spielen, haben sie gesagt. Mannschaftssport prägt den Charakter, schweißt zusammen. Aber, was machen, wenn die Karriere im Fußball schon mit neun Jahren mangels Talent zwangsbeendet wird? In diesem Fall hilft wohl der Blick nach oben.

Hoch auf die Berge, um genau zu sein. Egal, ob beim Besteigen anspruchsvoller Berge, beim Klettern im Fels oder wie in unserem Fall beim (Ultra) Trail Running -ohne Team geht hier nichts. Oftmals sind Sieg und die eigene Sicherheit abhängig von der Teamarbeit. Ist Bergsport deshalb der Teamsport für Individualisten?Trainiert wird allein, abgeliefert zusammen. Besonders, wenn die Projekte längere und weitere Distanzen in riskantem Gelände beinhalten, finden sich die Individualisten zusammen. Das Team muss aufeinander eingespielt sein, um hier große Leistungen zu vollbringen.Im individuellen Fokus muss ich auf mich selbst schauen. Esse und trinke ich genug? Wie geht’s den Beinen, wie dem Magen? Was macht die Psyche und bin ich bereit für das, was noch kommt? Im Team kommen nun aber viele neue Aspekte hinzu: Kann mein Partner das Tempo halten und fühlt er sich gut? Isst er genug oder muss ich ihn erinnern? Braucht er ein paar motivierende Worte, oder einfach mal seine Ruhe? Wenn das Ziel der gemeinsame Gipfel und der gemeinsame Zieleinlauf ist, kann keiner einfach sein Ding durchziehen. Also ja -Trailrunning ist ein Teamsport und wir sind ein Team, eine Mannschaft, die ‚BlackOrWhite TrailRunning Crew’. Alles überzeugte Individualsportler, aber halt auch beste Freunde und das schon fast seit dem Sandkasten. Daniel und Jochen aus dem Schwarzwald, Matze und Nico aus dem Allgäu und seit dem Studium in Ulm und nun zusammen in München.Für 2020 wollte Matze das erste Mal 100 Kilometer laufen. Natürlich auf der bekannten Strecke des Zugspitz Ultratrails (ZUT), hier will man ja keine Risiken eingehen. Doch dann kam Corona und auf einmal war da kein ZUT und auch sonst kein voll organisierter Ultratrail, auf dem man seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Eine neue Idee musste her und so beschlossen Daniel und Jochen ihr Training zu erhöhen, um Matze bei seinem Projekt zu unterstützen und mit ihm gemeinsam die 100 Kilometer zu meistern. Ein eigenes Rennen wurde im Team geplant und erhielt den Namen ‚OUT100 -Oberammergau Ultra Trail 100’Ein Rennen nur für uns, von Freunden, mit Freunden und für Freunde. Und genau da liegt auch schon die Krux. Es ist ein Teamrennen, das nur gemeinsam beendet werden kann. Niemand wird zurückgelassen und keiner kann allein den Sieg holen. Der Hauptgrund dafür liegt,neben der Sicherheit,in der Logistik der Verpflegung durch unsere Frauen und Freunde. Aber auch sonst sollten der Teamgedanke und das gemeinsame Erleben im Mittelpunkt stehen. Finisher des Transalpine Runs wissen, was das bedeuten kann.Der OUT100 bietet 103 Kilometer, 6150 positive Höhenmeter und stellt eine logische Runde rund um das Graswangtal und die Ammergauer Berge dar.

Zwar nahm uns Corona die Rennen, schaffte aber gleichzeitig optimale Trainingsbedingungen und so trafen wir uns am 19. Juni in Oberammergau, bereit für das Abenteuer des Jahres. Zum Glück wurden nur drei Tage vorher die Beschränkungen gelockert und so konnten wir alle zusammen eine kleine Pastaparty beim Italiener feiern.Um 22 Uhr waren alle im Bett. Nur an Schlaf war bei niemandem zu denken. Den Wecker auf 2 Uhr gestellt, lagen wir wach in unseren Zimmern. Angespannt und voller Respekt vor der Aufgabe, die vor uns lag.Der Start war um 3 Uhr am Festspielhaus in Oberammergau. Die Route führt erst einmal recht flach zum Ettaler Sattel. Von dort über die Notkarspitze und weiter in Richtung Kienjoch. Auf der Notkarspitze wartete seit 4:30 Uhr Philipp Reiter als Begleitläufer der ersten Etappe und, um den Tag fotografisch festzuhalten. Nach dem Abstieg runter zum Elmaubach übernahmen Nico und Vicky mit dem Fahrrad die Begleitung über Schotterstraßen bis zum Plansee. Fünfzehn Kilometer Schotter wurden in der Gruppe einfach weggeratscht, konnten ihren Schrecken kaum entfalten und waren plötzlich einfach vorbei. 8:50 Uhr erreichte das Team die Verpflegungsstation 2. Der Marathon war geschafft und die Zeiten lagen noch ziemlich nah an der „Best Case“-Berechnung. Die Crew hatte hier bereits ein 5-Sterne-Buffet aufgebaut. Nudelsalat, Sommerrollen und alles, was wir uns vorher noch auf die Wunschliste geschrieben hatten. Weiter ging es, diesmal ohne Begleitung, in Richtung Urisee. Auch nach über40 Kilometern und rund 2000 Höhenmetern, war das Tempo immer noch hoch. Da die Energie noch für einige Kilometer und Stunden reichen musste, drosselte Daniel das Tempo der Gruppe und ließ sich zurückfallen. Am Urisee bei Reutte kurz die Flaschen neu gefüllt, ging es weiter über den Jochberg vorbei an der Ostflanke des Säulings. Die Querung direkt unterhalb des Säulings stellte sich als deutlich anspruchsvoller und gefährlicher heraus als erwartet und zehrte mehr als geplant an den Nerven. Weiter ging es zum Älpele und hinunter zum Parkplatz am Fußdes SchlossesNeuschwanstein. Hier hatte dieCrew bereits wieder eine größere Verpflegungsstation aufgebaut. Das erste Mal erreichten die Läufer die Verpflegung später als erwartet.Nun machten sich auch Nico zusammen mit Caro und Philipp bereit, die Jungs auf den letzten 40 Kilometern und 2.800 Höhenmetern zu begleiten. Was nun noch bevorstand, war nicht weniger als die Überschreitung der Ammergauer Alpen vom Schloss Neuschwanstein bis zurück nach Oberammergau. Die Route folgt in Teilen dem Maximiliansweg und bietet mit der Hochplatte auch ein paar kleine technische Herausforderungen. Auf dieser markanten Stelle sollten die Läufer 75 Kilometer, 5000 Höhenmeter und über 12 Stunden laufen im Körper bereits deutlich spüren. Um diese zähe Strecke zu meistern, ist bis zuletzt die volle Konzentration gefragt. Selbst bei Kilometer 98 finden sich noch zahlreiche schwierige Passagen bei der steilen und feuchten Querung bis zum Pürschling. Die Zeit im Blick war klar, dass wir an der letzten Verpflegungsstation wieder die Stirnlampen ins Gepäck nehmen mussten.Geplant war nun der Aufstieg über die Marienbrücke mit Ausblick auf das Schloss. Leider war hier eine lange Touristen-Schlange und so wurde die Route spontan über die Rohrkopfhütte umgelegt. Mit viel guter Laune und einer Live-Schaltung zum Virtual Zugspitz Ultratrail stiegen wir in der prallen Sonne auf den Tegelberg. Im Winter eine schwarze Piste, bietet der Tegelberg zum Teil über 300 Höhenmeter pro Kilometer. Das blieb nicht ganz ohne Folgen, so hing Daniel die nächste Zeit ein wenig hinterher und kämpfte sich still voran. Im Blick Matze und Jochen gut gelaunt, grub sich Daniel tiefer in seine Gedanken, zweifelte an seinem Training und fiel immer weiter zurück. Vom Tegelberghaus ging es weiter in Richtung Ahornspitze und immer weiter bis zur Krähe. Während des Aufstiegs zum Gabelschrofen erreichte uns das angekündigte, schlechteWetter und die Temperaturen wechselten schlagartig. InWind und Regen, ohne Sicht,überquerten wir die Krähe und auch unsere Highlights Fensterl und Hochplatte. Der Temperaturwechsel verhalf Daniel wieder aus seinem Loch undsoübernahm er die Führung. Die kurzen Klettersteig-Passagen der Hochplatte meisterten alle schnell und so sahen wir nach vier Stunden wieder die Crew mit der letzten Verpflegungsstation. Sie hatten sich zwischenzeitlich die 750 Höhenmeter vom Ammerwald durch das Roggental aufgemacht und im Nebel ausgeharrt. Zwar ist die dünne und leichte Kleidung ein Vorteil, wenn man sich schnell am Berg bewegen will, bei den Pause fehlt aber schnell die Wärme. Die Körpertemperatur wieder anzukurbeln, war gar nicht mehr so leicht. Daniel, Matze und Jochen waren nun schon gut 15 Stunden unterwegs. Weiter ging es für die letzten 21 Kilometer in Richtung Oberammergau. Nun hatte auch Daniel seine längste bisher gelaufene Distanz überschritten (ZUT Supertrail XL).Der Alpenverein schreibt über den letzten Teil unseren Rennens: Es handelt sich um einen schweren Bergweg (schwarz): teils schmal, steil und absturzgefährlich mit einfachen Kletterstellen, die den Gebrauch der Hände erfordern. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unbedingt erforderlich. Der Aufstieg zur und der Abstieg von der Großen Klammspitz ist nur alpin erfahrenen Bergsteigern mit entsprechender Ausrüstung (solide Bergschuhe!) zu empfehlen.Genau darin liegt für uns aber auch die Herausforderung und Faszination an den Ammergauer Bergen. Hier befinden sich keine Schotterpisten, die sich auch als Straßenläufer bewältigen lassen. Immer zäher kämpften wir uns über den Pfad mit seinen vielen kleinen Auf und Abs. Wer zu weit vorne weg lief, drückte auf die Moral desjenigen, der gerade mal wieder Mühe hatte, dran zu bleiben. Caro, Philipp und Nico teilten sich immer wieder auf, um dieJungs bei Laune zu halten. Der Druck nach vorne, den wir von unseren Rennen kannten, war hier schon längst nicht mehr zu spüren. Mal wartete die Gruppe auf Philipp, der für seine Bilder wieder mal irgendwo hochgeklettert war, mal genossen wir aber auch einfach nur den Ausblick. Allein hätte das wohl keiner von uns gemacht.Immer weiter den Bergrücken entlang, wurden wir von einem leuchtenden Sonnenuntergang begleitet. So langsam schwanden die Kräfte. Wer schon einmal das Stück zwischen Hennenkopf und Pürschling gelaufen ist, weiß wie es sich endlos zieht. Nicht nur einmal erwarteten wir hinter der nächsten Biegung, endlich auf der Terrasse des August Schuster Hauses zu stehen. Doch statt der Terrasse, erblickten wir nur die nächste Biegung -und dies wiederholte sich eine gefühlte Unendlichkeit. Matze fiel immer weiter zurück und erkämpfte sich immer aufs Neue den Anschluss.Irgendwann folgte dann lautstarker Protest und wir nahmen ihn in unsere Mitte.Um 21:51 Uhr war es dann soweit: die Terrasse. Wir waren am Pürschling und unter uns die Lichter von Oberammergau. „Von hier aus geht’s bergab, in jeder Hinsicht“,sagte Daniel, wohl schon zum dritten Mal heute.Der Schlussspurt mit knapp einer Stunde Bergablaufen führte die drei um kurz vor 23 Uhr gemeinsam auf den Platz vor dem Festspielhaus, wo sie vor 19 Stunden und 45 Minuten als Team gestartet waren, um sich den Traum der 100 Kilometer zu erfüllen.

 

Die Crew wartete hier schon seit Stunden mit Pizza, Bier, Musik und natürlich selbstgebastelten Medaillen.Die erste Medaille, die wirklich was bedeutet!Beim Frühstück am nächsten Tag waren eigentlich alle schon wieder fit, der große Zusammenbruch blieb aus. Sicher liegt das zu einem großen Teil auch daran, dass eben nicht “all out” angesagt war, sondern das Erlebnis im Mittelpunkt stand. Waren die 100 Kilometer deshalb weniger Wert als wenn man in einem Zieleinlauf in vollkommener Erschöpfung zusammenbricht? Hier antwortet man schnell mit einem klaren “NEIN”. So klar ist das aber nicht. Die Stunden alleine im Rennen von Checkpoint zu Checkpoint gleichen einer emotionalen Achterbahn. Von höchsten Höhen zu tiefsten Tiefen, nur mit sich und seinen Gedanken über Stunden. Die Gruppe hält die Ausschläge in Grenzen, und so wird aus der Achterbahn eher eine wilde Kutschfahrt. Eine Fahrt, die für uns alle, das komplette Team, richtig und wichtig war. Unser Einstieg in das “New Normal” sowohl im Rennen als auch im Miteinander.
Text: Nicolas Holtzmeyer
Bilder: Philipp Reiter @philippreiter007, Nicolas Holtzmeyer @nico_blkorwht

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