Doping: Lerneffekte

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LERNEFFEKTE

Die heile Welt hat ein Ende: Doping existiert im Trailrunning und wird Fahrt aufnehmen – garantiert. Unser Autor Björn Kafka will nicht schwarzmalen, vielmehr einen Weg zeigen, wie sich der Sport selbst reinigen kann. Dazu sollte man aber den Blick auf andere Sportarten richten und aus deren Fehlern und Erfolgen lernen.

Von Björn Kafka

Jeder Leistungssport ist dopinganfällig. Je größer die Wettkämpfe und das mediale Interesse, desto wahrscheinlicher, dass Athleten sich unerlaubte Mittel zuführen. Für den zuständigen Sportverband, sei es die FIFA, die UCI oder der IAAF, gibt zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: die Augen halb verschließen wie die FIFA, die seit Jahren eine schwache Dopingpolitik betreibt; oder drastisch in die Privatsphäre des Sportlers eingreifen, so wie im Radsport, besonders im Straßensport. Der Straßensport galt in Zeiten von Lance Armstrong, Jan Ullrich und Co. als der Sport der rollenden Apotheken. Das änderte der Radverband radikal, in dem er ein engmaschiges Kontrollnetz erstellte. Radsportler gehören zu den mit Abstand am meisten kontrollierten Sportlern: zu Hause, im Urlaub, Kino, beim Einkaufen oder nach dem Wettkampf. Radsport ist Kontrollsport geworden, der tief in die Privatsphäre eines Athleten eingreift. Das betrifft nicht nur Topfahrer. Selbst Sportler, die keine 400 Euro im Monat damit verdienen, werden morgens um fünf aus dem Bett geklingelt, um Urin und Blut zu lassen. Hilft dieses Netz: Ja. Da spreche ich aus eigener Erfahrung als Trainer vieler Profiradsportler.
Die Leistungen im Radsport sind mit den Jahren nachvollziehbarer geworden. Die übermenschlichen Dinge, die Ende der 1990er bis in die Anfänge der 2000er zu sehen waren, gibt es nicht mehr. Dort wurden Leistungen erbracht, die vollkommen abstrus waren.
Und der Fußball? Die Maschinerie um das Runde und Eckige ist „too big to fail“. Der Sport hat politische Dimensionen angenommen – länderübergreifend. Die FIFA hat kein Interesse daran, Sportler an den Pranger zu stellen. Als der Fuentes- Fall Wellen schlug, ging es vor allem um Radsportler. Fuentes selber fragte sich, wo denn all seine Fußballer geblieben seinen – die Blutbeutel der Kicker tauchten nie auf. Es bestand und besteht kein Interesse daran, den Fußball zu überführen. Wer nur einmal Doping und Fußball googelt, schüttelt den Kopf: Das, was man findet, würde jeden anderen Sport in seinen Grundfesten erschüttern. Großer Sport ist große Politik, nicht umsonst steht Angela Merkel auf der Tribüne, wenn es um wichtige Länderspiele geht. Vladimir Putin poliert sei Image regelmäßig mit den Erfolgen seiner Sportler auf. Welche Ausmaße das annehmen kann, kann der geneigte Leser in der Doping-Dokumentation Ikarus auf Netflix anschauen … dagegen wirken Thriller von Stieg Larsson wie Karlson von Dach.

Aber jetzt fragen Sie sich: was hat das mit Trailrunning zu tun? Ganz einfach: Trailrunning boomt. Der Sport steht an der Schwelle zu wirklich Großem, so wie damals der Mountainbikesport. Laufserien expandie- ren, Sponsoren und Medieninteresse steigen. Preisgelder fließen, der Marktwert der Sportlers wird nicht mehr nur durch ein paar Laufschuhe und Klamotten abgegolten. Die Hatz ums „Immer-besser-werden“ nimmt dadurch Fahrt auf.
In den vergangenen Jahren steigerten sich die Leistungen bei den Events teilweise immens. Inzwischen laufen die Athleten mit einer Pace, die zu Beginn unmöglich erschienen. Kilometerzeiten von unter sechs Minuten im sehr bergigen Gelände rennen die Topläufer. Trainieren die Sportler besser? Mit Sicherheit.
Und mit Sicherheit steigt der Missbrauch von Dopingpräperaten im Trailrunning – besonders bergauf. Dort wo die maximale Sauerstoffauf- nahme die Limits setzt, bringen EPO und Co. sehr viele Vorteile. Wer mehr Sauerstoff in die Muskeln bekommt, fliegt der Berge hinauf. Das weiß auch die Italienerin Elisa Desco, die bei der The North Face Endurance Challenge in den Marin Headlands siegte. 2009 gewann sie die Berglaufweltmeisterschaften mit EPO. Oder Gonzalo Calisto, der 2015 beim UMTB mit EPO erwischt wurde. Zahlreiche Eliteläufer protestierten gegen diese Läufer, und das ist gut und wichtig.
Jetzt denken Sie: Ist doch klar, dass man dagegen etwas sagt. Nein, ist es nicht. Im Fußball oder Straßenradsport (bis 2012) gibt/gab es keine Stimmen, die laut gegen Doping vorgehen/ vorgingen. Die Omertà, das mafiöse Schweigegelübde im Radsport besteht dennoch und löst sich nur langsam auf.
Muss es im Trailrunning soweit kommen? Nein, denn es gibt ein schönes Beispiel, wie sich ein Profisport selbst reinigt, indem er die Stoffer rausmobbt: der Mountainbikesport (be- sonders das Cross Country). Doper werden dort massiv von anderen Athleten gemobbt. Nicht selten beendeten überführte Sportler ihre Karriere, weil sie dem Druck nicht mehr standhielten. Dieser Selbstreinigungsprozess brauchte seine Zeit, da der Mountainbikesport sich erst vom Straßenradsport emanzipieren musste. Dabei sprachen und sprechen sich die besten Mountainbiker der Welt aktiv gegen Doper aus. Personen mit viel Einfluß erheben dort ihre Stimmen: Weltmeister, Olympiasieger, die Gründungsväter des Sports. Das Gleiche sollte der Trailrunning-Sport im Blick behalten: Wenn Sponsorengelder steigen, sich unmenschliche Leistungen und Dopingfälle häufen, müssen sich Persönlichkeiten des Sports dagegen auf- lehnen. Auf der anderen Seite sollten Veranstalter und Verbände die Mehreinnahmen in effektive Kontrollen investieren.
Noch ist das Kontrollsystem im Trailrunning lasch, da es Veranstalter einiges kostet, Tests durchzuführen. Um es salopp zu sagen: Es könnte jeder was nehmen, um sich besser zu erholen (Steroide/Kortison usw.) oder im Wettkampf zu brillieren (EPO/Amphetamine usw.). Das Risiko erwischt zu werden geht da- bei gegen null. Bleibt zu hoffen, dass die Trailrunning-Community sich selbst der schwarzen Schafe entledigt, noch bevor Doping die Topleistungen bestimmt.

Aus Trail Magazin 1/2018

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