DNF- rasanter Anstieg beim Ausstieg!

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Die Bilanz der Trail-Saison 2016 verzeichnet nicht nur mehr Rennen und mehr Starter. Auch die Zahl der „Did Not Finish“-Läufer (DNF) stieg teils rasant an. Die Gründe sind vielfältig ­ – doch die „Schuldfrage“ ist objektiv kaum zu klären. Klar ist nur: DNF gehört längst zum Trailrunning-Alltag.  #archiv

Text: Peter Hinze;  Fotos: UTMB 2016

Die letzten Läufer hatten die Talferwiesen, etwas außerhalb von Bozen, kaum erreicht, schon stimmten die Organisatoren des Südtirol Ultra Sky Race 2016 zum Lob auf ein hervorragendes Rennen an und schwärmten von einer großartigen Veranstaltung. Dabei ging der Dank vor allem an die 500 freiwilligen Helfer, das Nationale Bergkorps und die Bergrettung. Das Lob war redlich verdient! Schließlich wird die 121 km lange Strecke (inklusive 7554 hm) mit dem Slogan „Die extremste Erfahrung in den Alpen“ vermarktet. Keine Untertreibung: Hinter dem Rittener Horn zeigt sich das Rennen von einer teils brutalen Seite – seit der ersten Austragung 2014 geprägt von extremen Wetterbedingungen, schmalen Gratpassagen und gefährlichen Nachtabschnitten.

 Nach 39:22 Stunden überquerte in diesem Sommer Domenico Greco aus der Nähe von Venedig bei tief hängenden Wolken und grauem Himmel als Letzter die Ziellinie, die Rangliste war damit komplett – doch beim Blick auf das Resultat zeigte das „hervorragende Rennen“ plötzlich seine eher schwarze Schattenseite: Von 151 Startern kamen nur 64 ins Ziel. Eine „Did not Finish“-Quote von fast 60 Prozent. Kein ruhmreiches Extrem für das extreme Südtirol Ultra Sky Race.

 Ob die 2016er-Quote aus Bozen in diesem Jahr zumindest in den Alpen rekordverdächtig ist, lässt sich kaum klären, denn immer mehr Rennen verzichten in ihren Ergebnislisten ganz auf die Nennung der DNF-Teilnehmer. Eine lobende Ausnahme ist unter anderem der Zugspitz Ultra Trail (ZUT), der in diesem Jahr bei ebenfalls extremen Wetterbedingungen und schweren Trails eine Ausfallrate von rund 36 Prozent verzeichnete, aber trotzdem keinen Grund fürs Verschweigen sah. Der ZUT hat sich mittlerweile als eine Art Kultveranstaltung etabliert. Neue Rennen dagegen bleiben bevorzugt bei reinen Erfolgslisten, denn hohe DNF-Raten schrecken interessierte Kandidaten fürs nächste Jahr ab, so die Erfahrung.

 

 Dabei hat 2016 ganz eindeutig gezeigt: DNF gehört mittlerweile ganz selbstverständlich zum Trailrunning. Konstant hohe Finisherquoten wird es immer seltener geben. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig.

 Auf Seiten der Läufer zeigen sich vor allem zwei Tendenzen: Trailrunning ist auf dem Weg zum „Breitensport“. Immer mehr Läufer gehen an den Start. Doch statt mit kurzen Distanzen zu beginnen, werden zu schnell extreme Strecken ins Visier genommen. Schwere Alpenrennen ohne richtige Alpinerfahrung sind längst keine Ausnahme mehr. Die Folge: Vor allem in den Bergen überschätzen mehr und mehr Starter ihre Fähigkeiten. Dabei trägt auch die Sportartikelindustrie ihren Teil zu dieser Entwicklung bei: Besseres und leichteres Material suggeriert in der Werbung, dass eigentlich jeder selbst Ultrastrecken mühelos bewältigen kann. Hinzu kommt eine bislang nicht gekannte aggressive Vermarktung von Seiten der Veranstalter: Immer längere Rennen, immer mehr Höhenmeter und immer unbekanntere Routen fordern ihren Tribut ­­– und fordern zugleich Starter auf, bis an ihre Grenzen zu gehen. Es gibt kaum noch Regionen, die nicht vom Trailrunning erschlossen werden. So bekommt selbst Albanien 2017 von einem deutschen Veranstalter „sein Rennen“. Eine gut gefüllte Starterliste dürfte trotz eines hohen Startgeldes garantiert sein, denn die Mischung aus Premierenfeeling und Nervenkitzel ist genau das, was das wachsende Trailvolk aktuell bevorzugt sucht.

 Aber auch die wichtigsten Protagonisten des Sports heizen den Hype in der Trailszene an. 2016 war es vor allem Topathlet Kilian Jornet, der Schlagzeilen machte: Seit 2012 verfolgt der Katalane sein Projekt „Summits of my life“, in dem Jornet die weltweit wichtigsten Berge im Rekordtempo besteigen will (oder sollte man besser sagen: „belaufen“ will). Montblanc, Matterhorn, McKinley und Aconcagua wurden bereits absolviert. In diesem Jahr sollte der Mount Everest, mit 8.848 m der höchste Gipfel der Erde, folgen. 2015 verhinderte das Erdbeben in Nepal den Rekordversuch, 2016 zwang schlechtes Wetter zur Aufgabe.

Noch trägt das Summit-Projekt also den Makel DNF. Doch in diesem Fall möchte man sagen: Gut so! Schön, dass es nicht geklappt hat! Warum? Weil das Auf-den-Gipfel-laufen am Mount Everest ein völlig falsches Zeichen gewesen wäre. Es hätte die Gefahren des Berges verharmlost. Es hätte die harte, risikovolle Arbeit der Sherpas und Träger weiter infrage gestellt, weil jemand es ja mit leichtem Gepäck sogar im Laufschritt geschafft hätte. So titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Der Mann, der den Everest einfach hochläuft“. Die Welt hätte noch mehr den Respekt vor dem Dach der Welt verloren. Ein schwindender Respekt, der schon etliche Bergsteiger das Leben gekostet hat.

 

 Im Vorfeld war viel über das Summit-Projekt zu lesen. Vom Scheitern nahm später kaum jemand Notiz. Und da unterscheiden sich Hobbyläufer kaum von den Profis: Ein DNF gilt noch immer als Makel. So waren Social-Media-Kanäle wie Facebook vor dem Start des diesjährigen Transalpine-Run voll mit strahlenden Selfies und selbst kleinsten Details der Vorbereitung. Vom Scheitern vieler Teams aber war am Ende der strapaziösen Alpenwoche kaum etwas zu lesen. „Vor allem die sozialen Medien erzeugen einen immensen Leistungsdruck, mit dem Normalläufer lernen müssen, richtig umzugehen. Bisher überwiegt eindeutig der Zwang, das geplante Rennen auch bei massiven Problemen auf jeden Fall zu finishen“, blickt der Münchner Psychologe Ralf Dolper tief in die Läuferseele, die bei den Topläufern inzwischen von mehr Realität geprägt wird: Wer an der Spitze keine Chance mehr auf eine Topplatzierung sieht, der steigt immer häufiger aus. So will es auch der Sponsor, der schon die nächsten Termine und Starts fixiert hat. Dolper rät der breiten Masse dagegen: „Mit Starts bei kürzeren Rennen wieder Vertrauen aufbauen. Zielzeiten realistisch nach unten reduzieren. Keine bestimmte Platzierung anvisieren, sondern ausschließlich aufs Finishen konzentrieren. Und ganz wichtig: zunächst bewusst Erholungsphasen einplanen! Dies gilt insbesondere auch für die mentale Ebene. Denn eines ist sicher: Ein Scheitern bleibt länger in der Erinnerung haften, als dies die meisten Menschen wahrhaben wollen. Doch Scheitern gehört zum Leben und zum Sport einfach dazu!“

 Die Zunahme der DNF-Zahlen hat noch eine weitere Folge: Auch die Zahlen von „Did Not Start“ (DNS) steigen so deutlich an, dass manche Veranstalter bereits Wartelisten anlegen, um bei zu vielen Absagen (teilweise bis zu zehn Prozent) das Starterfeld mit Nachrückern aufzufüllen.

Bei allen steigenden Tendenzen – die DFL-Zahlen sind garantiert stabil. Beim Südtirol Ultra Sky Race durfte sich der Italiener Domenico Greco nun also mit diesem Titel schmücken: „Did Finish Last“ klingt zunächst vielleicht etwas deprimierend. Doch die Leistung, ein Ultra-Rennen, egal in welcher Zeit, zu schaffen, wissen vor allem die Amerikaner hoch zu schätzen: Hier werden DFLs von Läufern und Zuschauern mit Standing Ovations empfangen!