Denis´Kolumne: Träume eines jungen Mannes

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Laufen und sich intensiv in der Natur bewegen hat auch immer etwas mit Demut zu tun. Als Trailrunner nimmt man wahr, wie man ein Teil – ein kleiner, sehr kleiner Teil – von etwas sehr viel Größerem ist. Man nimmt wahr, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein und wie einfach und wenig komplex es sein kann, zufrieden zu sein. Man läuft, und alles was man dazu braucht, ist ein Körper, der funktioniert, einen Geist, der will und eine Umgebung, die es meist ziemlich perfekt auch gibt.

Als Läuferin bzw. Läufer ist man oft mit wenig zufrieden. Das ist vermutlich der Grund des weltweiten Erfolgs des Massensports Laufen. Menschen rennen durch schöne Wälder, faszinierende Berge und durch hässliche Industriestädte oder in endlosen Zirkeln durch halbattraktive Neubaugebiete.

Ich bin ein besonderer Läufertyp. Verwöhnt. Fast überheblich. Ich hab aus dem Laufen für mich eine übertriebene Passion gemacht. Es ist fast immer etwas Feierliches. Ich überlege mir sehr viel, wenn es ums Laufen geht. Wo ich laufe. Was ich anziehe. Was ich mitnehme. Ob ich darüber etwas schreibe und andere daran teilhaben lasse.

In diesem Zusammenhang fällt mir auf, dass ich aus dem Laufen natürlich mehr mache als es in Wirklichkeit ist. Ob das richtig ist oder falsch, kann ich selbst schon nicht mehr beurteilen. Ich bin ein Fan der Sache. Etwas verloren im Universum des Trailrunnings. Eine riesige Community kreist mit mir und fängt mich auf.

Die Toten Hosen sind ganz sicher nicht meine liebste Band, aber sie singen „Wenn das Wünschen wieder hilft“.

In Zeiten wie diesen denke ich mich immer öfter in eine vollkommen fiktive Trailrunning-Welt.

Ich lebe dann in einem dieser Bio-Hotels mit angeschlossener Thermenwelt. 38 °C warmes, salzhaltiges Wasser in einem Außenpool aus grauem Granit. Sechs verschiedene Saunen und drei Spa-Bereiche. Ich stehe um 8 Uhr 30 auf, schlüpfe in diesen Frotteebademantel, futtere mich durch das Frühstücksbüfett mit diversen Smoothies und Chiasamenbrot, Bergkäse und Obst. Danach lese ich eine gedruckte Tageszeitung und ziehe mich anschließend an. Laufklamotte. Ich renne eine Runde mit 1.085 Hm und 17 km, hinauf zu einer Almhütte. Trinke dort ein Glas Buttermilch (das ich in dieser fiktiven Welt gut vertrage und mir nicht durch den Darm schießt) und komme nach knapp drei Stunden wieder im Bio-Hotel an. Ich setze mich in einen Korbsessel und trockne an der warmen Außenwand, in der Hand einen Espresso. Danach schreibe ich für zwei Stunden im Kräutergarten unter einem Sonnenschirm an einem Buch über das „Suchen und Finden des Glücks“. Ich dusche unter einer Dusche mit so einem Megaduschkopf, um danach für drei Stunden in diesem sagenhaften Wellnessbereich zu verschwinden.

Zum Nachmittag nochmal laufen, dann ein Himbeertörtchen und nach dem Abendessen ein Hardcover-Buch am Kachelofen. Vielleicht auch ein gutes Gespräch mit einem anderen Menschen.

Vielleicht, nein ganz sicher, wäre dieser Tagesablauf nach ein paar Wochen langweilig und eindimensional, aber ich kann es mir trotzdem gut vorstellen.

Traum B. Kein Hotel. Eine Hütte. Auf 2.200 Hm. Mit Blick ins Tal. Auf so einer sattgrünen Hochebene. Mit kristallklarem Bergsee nebendran. Die Hütte hätte zehn Schlafplätze – für Familie und Freunde. Wir würden tagsüber wie wild durch die Gegend rennen und am Abend gemeinsam kochen, trinken, feiern. Die Leute im Tal und in der Stadt würden sagen: „Hey, lasst uns doch mal wieder den Denis da oben besuchen. Ist immer so nett dort!“

Ich würde – würde ich mal nicht laufen – Kräuter sammeln, seltene Steine sammeln, malen und zeichnen und mir einen unfassbaren Vollbart wachsen lassen (in der fiktiven Welt hätte ich richtigen Bartwuchs).

Die Hütte wäre von innen sehr schön. Gar nicht so rustikal wie sie von außen wirkt. Der Boden wäre aus Felsplatten des hinter der Hütte thronenden 5.000ers. Die Platten wären warm, da unter der Hütte warme Quellen fließen würden.

Der Wohnbereich wäre sehr gemütlich – ein riesiges modulares Sofa von Roches Bobois und diverse Möbelklassiker der 1960er-Jahre. Kein Fernsehgerät, aber eine brutal starke Dolby-Surround-Anlage von irgendeiner verrückten Audio-Manufaktur. Es wäre natürlich total falsch, in dieser einsamen Bergwelt lautes Metal zu hören, aber ich würde es einmal am Tag von 15 bis 15 Uhr 30 tun. Einmal im Jahr würde ein Ultratrail-Rennen direkt an meiner Hütte vorbeiführen und ich würde die Verpflegungsstelle zelebrieren, die Teilnehmer mit selbst hergestelltem Kräutersirup-Getränken und Reiskuchen versorgen.

Irgendwann würde ich die Hütte und die Alm nicht mehr verlassen. Einen eitrigen Zahn würde ich mir selbst ziehen, und mein Defender – der mich ansonsten einmal im Monat ins Tal brächte, um Einkäufe zu transportieren – wäre durch Standschäden nicht mehr fahrtauglich.

Bei all den Träumen: Was wäre mit dem TRAIL Magazin? Das hätte ich für mehrere Millionen verkauft. Mir fällt im Moment leider nicht ein an wen. Vielleicht an einen Blogger, der zu viel Geld geerbt hat und einmal im Leben … nein, lassen wir das.

Harte Fakten. Knallhart. So hart wie dieser warme Felsboden meiner Hütte.

Tor des Géants. 330 km. 24.000 Hm.

Ich kann und muss schon jetzt träumen. Den Traum, dort im September 2019 ein Finisher zu sein. Auch das gehört zum Leben eines Läufers. Sich Ziele setzen, die eigentlich völlig abstrus sind, die auf dem Papier völlig unmöglich und unwirklich sind. Ich habe Angst vor dem Tor des Géants. Ich habe brutale Lust auf den Tor des Géants. Ich liebe diese Mischung aus verschiedensten Gefühlen im Vorfeld auf einen Lauf. Ich überlege mir schon jetzt – ein gutes Jahr, bevor ich am Start stehe -, wie das wohl alles sein wird. Ich bin vor einigen Jahren einmal 210 km als Stück durch die Berge gelaufen. 55 Stunden. Es tat sehr weh. Es war unheimlich schön, aber an einem bestimmten Punkt auch schmerzhaft und mit massivem Unterdrücken der Leiden verbunden. 110 km mehr. Verrückt. Klar. Vor allem hinsichtlich der Tatsache, dass ich Tage habe, an denen mir die 12 km an der Isar schon weh tun.

Die Hütten- und Biohotel-Romantik wird mir beim TOR also nicht viel nützen. Ich werde am Start stehen. Loslaufen. Es wird toll werden, es wird beschissen sein und vielleicht werde ich an einer Hütte vorbeikommen, vor der ein Typ steht, der mir Reiskuchen und selbst gemachte Sirup-Schorle ausgibt.

Nochmal Hütte: Neulich kam ich auf einer Berghütte bei einer Laufpause mit einem Wanderer ins Gespräch. Ein klassischer Wanderer. Deuter-Rucksack, Karohemd, Leki-Stöcke und eine Fjällräven-Hose. Er wollte wissen was ich so mache, und ich erzählte ihm die Wahrheit. Also keine Lügen mit Bio-Hotel und eigener Hütte.

Er konnte all das mit den Ultratrails und Bergmarathons nicht nachvollziehen. Er fände das absolut grenzwertig und gesundheitsschädlich. Er wäre in seinem Leben mit 80% immer sehr gut gefahren. Er würde diese 110%-Mentalität nicht kapieren. Ich wollte ihm nicht antworten. Mir fehlte einfach die Motivation, ihm meinen Sport, meine Passion zu erklären oder diese zu verteidigen. Ich hatte gehofft, er würde so etwas sagen wie: „Uiii. Tolle Sache. Ja, wenn man so etwas kann, dann soll man es auch tun.“ Oder: „Klar, jeder so, wie er es braucht und es ihm Spaß macht!“

Ich hatte an diesem Tag sehr viel Freude bei meinem Lauf. Es war einer dieser perfekten Bergläufe an einem Nachmittag unter der Woche. Ich fühlte, wie gut ich als Läufer in die Landschaft passe, wie richtig es ist, sich leise zu bewegen und wenig Spuren dabei zu hinterlassen. Es war ein bewusster Tag voller Demut.

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