Aus dem Archiv: Ein Interview mit Kilian Jornet (2016)

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Kilian Jornet war gestern in München. Wir haben in unserem Archiv gewühlt und ein Interview gefunden, welches wir damals für unsere TRAIL Ausgabe 4/2016 mit DEM Trailrunning Superstar geführt haben… und tatsächlich liest es sich noch immer ziemlich aktuell!

Kilian Jornet wirkt kleiner aus der Nähe. Im physischen wie im metaphysischen Sinne. Beinahe zart sogar, was seine prägnanten, ausdrucksstarken Gesichtszüge noch einmal mehr betont. Im Untergeschoss eines Stuttgarter Kongresshotels wirkt er zudem seltsam deplatziert. Bisher haben wir den unbestritten besten unseres Sports ja immer in höheren Spähren getroffen. Nach oder vor seinen Siegen zumeist. Die sind zuletzt weniger geworden, in Europa zumindest. Kilian Jornet hatte sich rar gemacht auf den Trails. Lieber ist er noch höher in den Bergen verschwunden. Oder hat mit Emily Forsberg, seiner Lebensgefährtin, ein eigenes Rennen aus der Taufe gehoben: das Tromsoe Sky Race. „Summits of my Life“ nennt Jornet seinen ganz eigenen Wettlauf mit den Bergen, der ihn in diesem Jahr auf das Dach der Welt, auf den Mont Everest, führen soll.
Ist da also einer ganz schön abgehoben? Aber zum Trailrunning hat der 28-jährige Katalane überraschend bodenständige Gedanken.

 

Kilian, für uns ist das ein ganz besonderes Interview. Nicht nur weil Du Kilian Jornet bist, klar, sondern weil wir in der Vorbereitung zu diesem Interview noch einmal gemerkt haben, wie sehr Deine Karriere mit unserem Heft verwoben ist. Der Ultra-Trail du Mont-Blanc im Jahr 2008 war Dein erster großer Sieg, für mich war es das Rennen, das mir gezeigt hat, dass da Draußen ein Sport wächst, über den es lohnt, ein Magazin zu machen.
Rückblickend ist mein erster UTMB vermutlich ja auch für mich immer noch immer das wichtigste Rennen, dass ich je gelaufen bin. Mit dem UTMB fing alles an. Nicht nur, weil damals in Chamonix die Sponsoren auf mich aufmerksam geworden sind. Alles, was danach passiert ist, fußt zumindest mittelbar in diesem Rennen. Ich meine, ich lebe inzwischen ja sogar in Chamonix, so viel zur Bedeutung, die dieser Ort für mich hat

Tatsächlich ist viel passiert seitdem. Für Dich, für unser Heft, für Trail Running im Allgemeinen.
Ihr sagt es. Alles ist gewachsen die Veranstaltungen, die Teilnehmer, die Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt ist die Welt, in der Trailrunning stattfindet, größer geworden.

Vermisst Du den Pioniergeist dieser Jahre?
Ich bin kein Fan von Nostalgie, ich gucke lieber nach vorne: Wenn man jetzt nach Asien geht, kann man diesen Spirit, dieses Gefühl, noch einmal nachspüren. In Hongkong, in China, in Singapur gibt es jetzt die Rennen, die Athleten und mehr noch viele, junge Menschen, die diesen Sport für sich entdecken. Oder denkt an Mira Rai. Nepal hat die höchsten Berge der Welt, von dort müssen doch auch gute Trailrunner kommen. Ich war jetzt zweimal mit dem Salomon-Team in Asien und habe die Euphorie dort als anstecken empfunden.

Also umgekehrt gefragt, fehlt diese Euphorie zunehmend in der europäischen Trailszene?
Wenn ich mir angucke, was etwa die ITRA (International Trailrunning Association, Anm. d. Red.) so will, bin ich zumindest besorgt. Ich hoffe inständig, dass da nicht versucht wird, unseren Sport zu sehr zu strukturieren und zu normieren und ihm seien freien Geist zu nehmen.

Woran machst Du diese Tendenzen fest?
Zum Beispiel an dieser komischen Sehnsucht nach einer Vergleichbarkeit, spätestens wenn es darum geht, Weltmeisterschaften auszutragen oder am Ende sogar zu einer olympischen Disziplin zu werden. Bitte nicht! Ich sehe auch Symptome, dass verschiedene Bewegungen in unserem Sport gegeneinander ausgespielt werden. Das hat so gar nichts mehr mit dem Geist dieses Sports zu tun.

In der Leichtathletik gibt es den Marathon – Trail sehnen sich manche auch nach dieser einen, objektiven Maßeinheit. Ist es das, was Du meinst?
Vermutlich, ja. Ich erlebe das immer wieder bei Athleten, die von der Leichtathletik oder vom Berglauf kommen, die suchen diese Vergleichbarkeit. Ist das ein 100-Kilometer-Rennen? Ist das ein 100-Meilen-Rennen? Ich komme vom alpinen Klettern, vom Alpinismus im Generellen. Ich frage mich, ist diese Linie da, diese Route durch die Felsen nicht wunderschön? Eben, weil sie ganz natürlich ist. Solche Rennen möchte ich laufen. Rennen mit einem Kurs der sich ganz natürlich aus der Landschaft ergibt. Du guckst auf eine Karte, liest die Höhenlinien, und siehst intuitiv, was sich daraus für ein Kurs ergibt. Da interessiert mich nicht einmal, wie lange die Strecke jetzt ganz exakt ist.

Die Transvulcania ist dafür vielleicht das beste, vor allem das schönste Beispiel …
Ja genau. Über Jahre hinweg wurde ja nicht einmal so genau kommuniziert, wie lange die Transvulcania eigentlich ist. 73 Kilometer? Oder doch 83 Kilometer? Oder irgendwas dazwischen? Es fühlt sich einfach total logisch an, über die Insel La Palma auf genau dieser Route zu rennen. Und diese Route ist unglaublich schön. Sie ist auch so schön, weil sie eben so logisch ist.

A natural way of running sozusagen.
Ich denke, dass das ein ganz wichtiger Punkt ist. Wir dürfen diesen Sport nicht normieren. Ob ein Kurs jetzt 100 Kilometer lang ist oder „nur“ 97 Kilometer – this don’t make the race. Was zählt ist die Linie – the line.

Ist das ein Grund, warum Du, zumal in Europa, immer weniger Rennen läufst?
Rennen war für mich immer die natürlichste Art, mich auszudrücken. Aber tatsächlich bin ich immer weniger motiviert, bei Wettkämpfen zu starten. Ich spüre nicht mehr den Druck und vielleicht sogar nicht mehr den Antrieb, dieses oder jenes Rennen noch einmal zu gewinnen. Ich meine, es ist immer schön zum UTMB zu gehen und erst recht nach Zegama, wegen der ganzen Leute, wegen der unglaublichen Atmosphäre – aber darüber hinaus habe ich mit diesem Thema zumindest fürs erste abgeschlossen.

Um so verwunderter waren wir, Dich im vergangenen Jahr fast den ganzen Sommer in den USA herumrennen zu sehen – weit weg vom Hochalpinen und von den wirklich technischen Strecken. Was hat Dich, buchstäblich, dahin gebracht?
Ganz ehrlich? Die Atmosphäre! Dort drüben nehmen die Leute sich und die Rennen einfach nicht so ernst. Es ist mehr so: Let`s go for a run. Dabei sind die Rennen in den USA auch nicht langsamer als in Europa, im Gegenteil. Nehmen wir den Mount Marathon in Alaska, das ist eine super kompetitives Rennen. Aber die Art auf unseren Sport zu gucken ist dort einfach relaxter.

Du hast den Mount Marathon erwähnt, vielleicht das größte, kleinste Rennen der Welt. Wie reagiert so eine Kleinstadt in Alaska, wenn da auf einmal Kilian Jornet am Start steht?
Das ist genau der Punkt. Die Leute wollen, dass das Ihr Rennen bleibt. Sie scheren sich nicht darum, ob da ein World Champion auftaucht. Ein anderes gutes Beispiel ist der Hardrock 100, der komplett ohne Preisgelder auskommt. Beziehungsweise wird das Preisgeld einfach unter allen Teilnehmern verlost. Ich mag diese Art, sich nicht darum zu kümmern, was man aus etwas machen könnte. Es geht einfach darum, das man etwas für sich macht.

Siehst Du auch Dein eigenes Rennen, das von Dir und Emily (Forsberg) initiierte Tromsoe Sky Race in dieser Tradition?
Ich hoffe es, ja. In Nordamerika, in Großbritannien und vielleicht auch in Skandivien herrscht zumindest dieser Geist. In Europa regiert eher der Wettbewerb. Immer geht es darum etwas zu sein, als Läufer und genauso als Laufveranstaltung. Ich kann beide Haltungen nachvollziehen, dafür mag ich den Wettbewerb und die Herausforderung viel zu gerne, aber am Ende des Tages ist mir der entspannte Gestus eines Mount Marathon näher.

Gleichzeitig hast Du mit Deinen Rekordbesteigungen an Matterhorn und Mont Blanc im Jahr 2013 unseren Sport in buchstäblich neue Höhen getrieben. Jetzt geht es Dir um den Mont Everest, um das Dach der Welt, ist das nicht doch wieder die Jagd nach den Rekorden?
Der Mont Blanc, das ist die Geschichte des Alpinismus. Ja mehr noch: Der Mont Blanc ist der Alpinismus. In Chamonix hat alles einmal angefangen, mit der Erstbesteigung von Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard im Jahr 1786. Wenn ich also den Mont Blanc besteige, oder genauso das Matterhorn, dann tue ich das in dieser Tradition. Ich mache das im Wissen und in der Ehrfurcht vor der Geschichte des Alpinismus. Alleine die Geschichte der Erstbegehung beider Berge, dieses Wettrennen zwischen den Italienern aus dem Süden und den Franzosen von der Nordseite …

Du sprichst es an: Der Wettlauf um die Gipfel der Alpen – und später um die Achttausender – wurde allzu oft auch zu einem Wettlauf der Nationen.
In Chamonix waren es vor allem die unterschiedlichen Bergführer-Kompanien, die miteinander in Rivalität standen. Aber spätestens im Himalaya wurde es dann ein Wettkampf zwischen den Nationen, das stimmt schon. Die Eiger-Nordwand ist dafür ja auch ein prägnantes Beispiel. Und es war ein weiter Weg, bis diese Geschichte innerhalb der Szene wirklich aufgearbeitet worden ist und eine neue Generation von Bergsteigern ab den 1960er-Jahren einen freien Geist in diesen Sport gebracht haben.

Du selbst bist Katalane, und damit Teil einer ethnischen Minderheit innerhalb Spaniens. Ist das, auch als prominenter Botschafter Kataloniens, der Du zwangsläufig bist, noch ein Thema für Dich?
Nein, oder besser gesagt nicht mehr. Dafür habe ich schon in zu vielen Ländern gelebt und mich an zu vielen Orten auf die eine oder andere Art heimisch gefühlt. Was nicht heißt, dass ich mich doch noch irgendwie als Katalane fühle und mich natürlich dafür einsetze, dass Katalonien seine Identität leben kann. Aber das sollte sowieso jede Minderheit, überall auf der Welt.

Wir haben schon kurz über den nächsten Deiner „Summits of my Life“ gesprochen. Wann geht es zurück zum Mont Everest?
Im Spätsommer. Und natürlich ist da mehr als nur die Hoffnung, dieses Projekt in diesem Jahr erfolgreich angehen zu können. Es ist das große Ziel, die große Herausforderung in dieser Saison, auch wenn ich zuvor sicher noch ein paar Rennen laufen werde.

Im vergangenen Jahr warst Du ja bereits im Himalaya. Doch statt auf dem Dach der Welt habt Ihr Euch plötzlich mitten im Epizentrum eines Erdbebens wiedergefunden. Dein Film„Langtang“ erzählt von dieser Erfahrung in teilweise recht drastischen Bildern. Hat das Deine Einstellung zu Deinen „Summits of my Life“ verändert?
Ja. Aber nicht auf eine Art, die unmittelbar den Sport tangiert oder ihn sogar in Frage stellen würde. Am schlimmsten, und umgekehrt auch am schönsten, war es zu erleben, wie Menschen, die wirklich alles verloren hatten, ihr Haus, ihre Familie, auf uns mit einer absoluten Gastfreundschaft reagiert haben. Du hast Ihnen vielleicht einen Sack Reis mitgebracht, mehr nicht, und sie haben dich einfach nicht mehr gehen lassen. Es sei doch viel zu weit in die nächste Stadt und bei Dunkelheit auch viel zu gefährlich. Sie haben noch die kleinste, behelfsmäßige Hütte mit uns geteilt.

So eine Erfahrung justiert die eigenen Maßstäbe neu?
Sie geben dir alles – dabei haben sie nichts. Und dann kommst du zurück nach Europa und registrierst all die kleinen Alltagspropleme, mit denen wir uns, auch ich, so unötigerweise herumschlagen. Diese Erkenntnis hat mich eigentlich am meisten beschäftigt. Die Undankbarkeit, mit der wir so oft unserem Leben gegenübertreten.

Dann wird das jetzt ein harter Bruch hin zu den vielleicht tatsächlich unwichtigeren Dingen: Schließlich müssen wir ja noch übers Laufequipment reden …
… das passt schon. Ich beschäftige mich ja gern mit meiner Ausrüstung. Ich würde mich sogar als ein Gear-Freak bezeichnen …

… was lustig ist. Schließlich existiert von Dir diese Salomon-Werbung mit dieser ikonografischen rot-schwarzen Kilian-Jornet-Daunenjacke. Nur: Die Daunenjacke ist mit Klebeband geflickt!
Sie hatte eine Loch, also wurde sie geflickt. Aber wenn ich sage, dass ich ein Gear Freak bin, geht es ja auch nicht darum, dass ich besonders viel Equipment hätte. Tatsächlich besitze ich nur das Nötigste, die Sachen, die bei mir funktionieren und die – abgesehen von den Schuhen – vielleicht zwei, drei Mal. Das hängt auch damit zusammen, dass ich an verschiedenen Orten lebe und sowieso meistens unterwegs bin. Ich reise da lieber mit leichtem Gepäck. Was ich damit meine, ist die Leidenschaft, meine Ausrüstung weiterzuentwickeln, genauso wie ich mich als Athlet weiterentwickeln will. Du machst einen Lauf oder eine Bergtour und merkst, da könnte etwas besser funktionieren und dann setzt man sich mit den Produktentwicklern hin und tüftelt das aus.

So ist also auch der schon legendäre Sense-Ultra-Schuh entstanden?
Innerhalb von wenigen Monaten ja. Nicht einmal ein halbes Jahr nach der ersten Idee hatte ich den fertigen Schuh an den Füssen und noch einmal ein halbes Jahr später stand er in den Läden. Das ist ein großartiger, inspirierender Prozess. Ich meine es sind nur Schuhe, bitte nicht falsch verstehen. Aber wenn ich sehe, was ich mit denen schon alles erlebt habe, sind sie doch viel mehr als das.

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