2016: Interview mit Anton Krupicka

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Anton Krupicka wurde zur coolsten Type des Trailrunnings. Und ist dies irgendwie noch immer. Obwohl  der La Sportiva Athlet inzwischen wohl mehr auf dem Gravel Bike unterwegs ist, als in Trailrunningschuhen. Im Jahr 2016 haben wir ein langes Interview mit Tony geführt. Seine Trailrunning-Hochzeiten waren schon damals eher Vergangenheit. Aber ein neuer Ausrüster ließ hoffen, dass das große Comeback vielleicht doch bevor steht. Aber lest selbst… #Archiv

Interview: Clemens Niedenthal; Bilder: Fred Marmsater

Februar 2016. Noch führen die Trails durch knöcheltiefen Schnee. Zumindest in Colorado, in den Rockies, wohin der angehende College-Student Anton Krupicka im Herbst 2001 gezogen war. Seitdem ist er in den Bergen geblieben. Seitdem hat er die Berge, mindestens aber eine bestimmte Art sich darin zu bewegen und einen bestimmten Blick, auf sie zu schauen, geprägt. 2006, sein Sieg beim damals schon großen Leadville 100, den er im Jahr darauf mit der noch immer drittschnellsten Finisherzeit wiederholen sollte – ein erst 23-jähriger Kerl mit noch nicht ganz so vollem Bart und schon fast so langen Haaren war da bereits bei den ultralangen Ultradistanzen ganz vorne mit dabei. Und wer sich damals schon für diesen Sport interessiert hatte, fing intuitiv an, sich auch für diesen Anton Krupicka zu interessieren. Den Kerl, der sich eigenhändig Innentaschen in seine Split-Shorts nähen sollte, um darin die Pflichtausrüstung zu verstauen. Oder zumindest das, was er dafür hielt. Und der die Zwischensohlen seiner Schuhe abhobeln sollte, als es noch keine Trailschuhe mit niedriger Sprengung gab.

Aber hier sind wir schon mitten in der Legendenbildung. Und die ist für Anton Krupicka mindestens so sehr ein Kapital wie eine Bürde. Vermutlich aber ist sie letzteres noch viel, viel mehr.  Sprechen wir also über den Trail, Anton Krupicka. Sprechen wir über die Berge und über das gute Gefühl, hin und wieder einfach in ihnen zu verschwinden.

Hallo Tony, sowohl deine Homepage als auch dein Blog beginnen momentan mit sehr schönen Aufnahmen von Bergen, auf denen der Läufer ein kleines Teilchen bleibt. Man muss ihn schon suchen und wird ihn in einem Fall nicht einmal finden. Ist das dein gegenwärtiger Blick auf die Sache, die du so passioniert und seit gut zehn Jahren auch professionell betreibst?

Vielleicht. Oder sogar vermutlich. Ich laufe ja nicht erst seit zehn Jahren, ich laufe seit meinem zehnten Lebensjahr und genauso viele Jahre sind die Berge, ist die Landschaft da draußen, meine eigentliche Motivation. Ein ganz entscheidender Punkt auf meinen Wegen in die Berge ist zu erleben, wie sich unsere Existenz im Verhältnis zu diesen großartigen Landschaften und zu den Kräften der Natur relativiert. Damit meine ich jetzt kein Gefühl der Ohnmacht oder so etwas, sondern im Gegenteil etwas sehr Reinigendes. Also: Große Berge, kleiner Läufer, das passt schon sehr gut.

Deine Generation ist rückblickend jene, die das Trail Running auf die Landkarte gebracht hat, wie man im Amerikanischen ja so schön sagt. Wann hast du gemerkt, dass dein Sport aus der Nische, meinetwegen auch aus einer Subkultur, hinaus auf die große Bühne getreten ist?

Ich denke, das ist eine Frage der Perspektive. Und aus meiner Perspektive habe ich nicht einmal das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das „something big“ geworden ist. Natürlich hat sich einiges verändert. Es gibt mehr Rennen, es gibt größere Rennen, es gibt mehr Läufer und auch mehr wirklich großartige Athleten. Aber in einem größeren Maßstab, also ausgehend von dem, was wir Gesellschaft nennen, findet Trail Running doch noch immer in einer relativen Nische statt. Trail Running gibt es nicht im Sportfernsehen und auch nur ein- bis zweimal im Jahr in der „New York Times“. Um auf den Kern Deiner Frage zurückzukommen: Ich fühle mich nicht im Geringsten als jemand, der Trail Running als Sport oder gar Lifestyle etabliert hat. Die Menschen sind doch schon immer durch die Berge gerannt und sie werden es auch immer tun.

Anders gefragt: Warum hast du begonnen durch die Berge zu rennen? Die Weizenfelder von Nebraska, in denen du als Farmersohn aufgewachsen bist, haben diesen Weg ja nicht unbedingt vorgezeichnet.

Doch, doch, durchaus! Immerhin war das ein Leben, das eben outside war. Alles hat sich draußen abgespielt. Und als ich als Teenager mit dem Laufen angefangen habe, fühlte es sich für mich absolut logisch an, auf Trails zu laufen. Diese Einstellung hat sich eigentlich nie geändert…

… immerhin warst du schon als Dreizehnjähriger bei Deinem ersten Straßenmarathon am Start…

… und im College bin ich dann eine Zeit lang Track und Cross-Country gelaufen, wegen der Wettbewerbe und der Freundschaften im Team. Aber als ich mit dem College fertig war, waren wieder die Berge da – dieselben Berge, die es immer waren. du merkst es, ich bin schon wieder an diesem Punkt: Das Majestätische, Dramatische oder auch einfach nur Wunderschöne der Landschaft wirft uns auf einen realistischen Maßstab zurück. Ich schätze dieses Gefühl, es führt uns zum Wesentlichen.

Der realistische Maßstab. Anton Krupicka schien immer größer als das. Vor allem, weil wir ihn alle so sehen wollten. Auch als Läufer, klar. Aber mehr noch als Typ. Kilian Jornet, das war der schnellste, der krasseste, der beste von allen. Scott Jurek, das war der alte, besonnene Hase und der mit ohne Fleisch. Anton Krupicka, das war immer auch der Posterboy eines Lebensstils. Der, von dem als der „Popstar des Trailrunning“ geschrieben wurde. Wenn ihn der Bart und die Haare nicht gleich zum „Rockstar“ machen sollten.

Selbst wenn er auf seinem Blog nur einen neuen gebrauchten Pick-Up zur Diskussion gestellt hatte und ehrlich wissen wollte, wie denn so die Erfahrungen mit diesem oder jenem Modell sind, war das für seine Leser wieder ein neues Sehnsuchtsgefährt. Das Auto, in dem Tony Krupicka draußen in den Wäldern wohnt, wenn er dort durch die Berge rennt. Also haben auch wir uns einen Kombi gekauft, oder gleich einen Campingbus, um zumindest gelegentlich morgens direkt neben dem Trail aufzuwachen. Hätten wir vermutlich auch ohne Anton Krupicka gemacht. Worauf ich hinaus will: Während aus Trail Running in allen Ecken, mindestens der westlichen Welt, mehr wurde als bloß eine Sportart, musste sich ein junger Mann aus Colorado damit abfinden, die Ikone dieses Sports zu sein. Anton Krupicka startet nicht bei der Transvulcania? Aber es sind ja mindestens zwei, drei Hobbyathleten da, die exakt genauso aussehen wie er.

Ich muss schon wieder mit den Trail-Running-Mythen nerven. Erlebst du in unserem Sport, sei es unter den professionellen Athleten oder der Community im Generellen, ein besonderes Gemeinschaftsgefühl?

Da gibt es schon Momente – ich erinnere mich an mein Rennen beim UTMB vor eineinhalb Jahren, das ja nun wirklich alles andere als optimal lief –, in denen ich von der Kraft und der Leidenschaft des Publikums da irgendwo mitten in der Bergwelt wirklich berührt bin. Wann immer aber dieses vermeintlich Besondere an diesem Sport suggeriert wird – dann muss ich wirklich widersprechen. Trail Runner sind doch auch nur Menschen. Und das heißt einfach, dass es unter ihnen welche gibt, die interessant, interessiert, sympathisch und liebenswert sind. Und solche, die all das eben gar nicht sind. Trail Running macht aus niemandem einen besseren Menschen.

Dennoch bist du, ob du nun willst oder nicht, für viele zu einem Idol geworden. Denkst du da manchmal, ihr da draußen kennt mich doch gar nicht?

Das denke ich permanent. Aber ich denke genauso, dass es für jemanden, der in der öffentlichen Wahrnehmung steht, auch normal ist. Das geht ja nicht nur mir so, dass ich mich gelegentlich oder sogar ziemlich häufig missverstanden fühle. Dass das Bild, das da von mir in der Öffentlichkeit kursiert, einfach nicht passt. Ich muss schlussendlich damit leben, dass Leute ihre eigenen Eindrücke und Erwartungen auf einen übertragen. Manchmal stimmen diese Eindrücke, ziemlich oft stimmen sie nicht.

Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Talent, eine Gabe, fremde Menschen so positiv zu berühren.

Vielleicht sollte ich das so sehen, aber tatsächlich fällt es mir schwer. Ich bin, und das ist jetzt keine Koketterie, ziemlich introvertiert und muss immer wieder hart an mir arbeiten, um Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen. Letztlich habe ich mich irgendwann dafür entschieden, einfach nur ich selbst zu sein. Soweit funktioniert das zumindest. Wenn mein Tun jetzt die Menschen berührt, dann ist es vermutlich doch irgendwie eine gute Sache. Dann habe ich jemandem offenbar etwas mitgegeben, woraus er positive Motivation zieht.

Ist Inspiration ein Begriff, mit dem du in diesem Zusammenhang etwas anfangen kannst?

Ja, vermutlich. Ich versuche ja, Dinge zu machen, die mich selbst inspirieren. Wenn andere Menschen das dann inspirierend finden, ist das doch großartig … eigentlich.

Wer beispielsweise deinen Blog verfolgt, weiß, wie wichtig dir Musik ist. Wo wir gerade über Inspiration geredet haben, könnte man den kreativen Prozess, einen Song zu schreiben, mit jenem vergleichen, einen Trail zu rennen?

Ich liebe Musik, aber ich spiele kein Instrument und habe auch keine Erfahrung damit, was es heißt, einen Song zu schreiben oder zu arrangieren. Was ich aber durchaus glaube, ist, dass beide Dinge, writing music and running trails, die menschliche Existenz im Kern berühren. Es sind beides kreative und emotionale Prozesse, die in Erfahrungen münden können, die einem mehr zurückgeben, als man bei aller Anstrengung investiert hat.

Anton Krupicka hat viel investiert in den vergangenen Jahren. Vor allem aber hat er auf einmal weniger zurückbekommen. Was eine neue Erfahrung war, obwohl er schon am Beginn seiner Karriere einen Ermüdungsbruch zu kurieren hatte. Doch wie sehr er auch längst ein Sieger der Herzen ist, bewies doch umgekehrt der UTMB 2014, wo ihn das Publikum doch auch über den Trail jubelte, als er nach starkem Start auf den 50. Platz zurückgefallen war. Wie stark dieser Tony Krupicka aber wirklich ist, zeigte sich daran, dass er dieses Rennen dennoch beenden sollte. Trotz ganz anderer Erwartungen, vor allem an sich selbst. Trotz der immer wieder erneut aufbrechenden Verletzung, einem Ermüdungsbruch ursächlich, dem komplexere Sehnen- und Knochenhautprobleme folgten, zu der sich bei diesem UTMB auch noch ein gestresster Magen kam. Dabei hatte die Saison 2014 noch vielversprechend begonnen, mit einem Sieg beim Lavaredo Ultra Trail und der Hoffnung, dem eigenen Körper wieder ganz und gar vertrauen zu können.

War das vielleicht doch alles ein bisschen viel mit dem Wenig? Über seine schnellen Schuhe, die kaum Dämpfung hatten, kaum Sprengung und sowieso nur einen Hauch von Obermaterial, wurde plötzlich auch kontrovers diskutiert. Dabei waren doch auch die Teil seines Mythos und hatten einem Hersteller tolle Kampagnen beschert. Das der jetzt 33-Jährige seit dieser Saison für La Sportiva startet, könnte da auch ausrüstungstechnisch als ein Neustart, eine Umbesinnung gedeutet werden. Vielleicht ist es aber auch nur wie so oft bei diesem Mann. Vielleicht wird damit aber schon wieder viel hineininterpretiert und hineinprojiziert, in diesen Tony Krupicka. Er selbst nennt La Sportiva im Jahr 2016 einen „logischen Partner“. Womit wir immerhin wieder bei der Liebe zu den Bergen sind. Auch jenen, die man sich nicht erlaufen kann und die man sich erklettern muss.

Über Anton Krupicka zu reden hieß in den vergangenen Jahren immer auch, über Minimalismus zu reden. Die Schuhe. Das Equipment und mehr noch, der Verzicht darauf. Deine Art zu laufen und, so meinen viele, auch deine Art zu leben. Jetzt reden wir mit Tony Krupicka.

Also: Sind Minimalismus und Askese Begriffe, mit denen du dich auf diese oder jene Weise verbunden fühlst?

Konzeptionell oder philosophisch durchaus. Aber das ist nichts, woraus ich irgendwelche Prinzipien oder gar Dogmen ableite. In beidem, in den Bergen und im wirklichen Leben, kommt die wirkliche Bedeutung nicht aus den materiellen Dingen. Aber ich bin alles andere als ein rigoroser Eiferer der Enthaltsamkeit. Unter dem Strich würde ich mich selbst auch nicht im Mindesten als asketischen Menschen bezeichnen.

Kannst du deinem Sport eine philosophische Komponente abgewinnen?

In einem beschränkten, nicht-akademischen Maße würde ich das sogar bejahen. Wobei ich auch das nicht verallgemeinern will. Zwei Menschen können ein absolut identisches Erlebnis miteinander teilen und davon in komplett unterschiedlicher Weise berührt sein.

Die vergangenen zwei, drei Jahre warst du mehr oder weniger kontinuierlich verletzt. Wie hat diese Zeit deinen Blick auf das Herumrennen verändert?

Zunächst einmal hat mir die Verletzung den Blick für das geöffnet, was man so landläufig Cross-Training nennt. Klettern, Radfahren, Ski-Tourengehen im Winter. Ich hatte das schon früher immer mal wieder gemacht, aber nun war ich gezwungen, mich solchen Ausgleichssportarten konsequenter zu widmen, einfach, um eine zu einseitigen Stress für meinen Körper zu vermeiden. Irgendwann haben mir diese Sachen dann richtig Spaß gemacht und ich fing an, sie nicht nur als Alternative, nicht mehr nur als Ersatz für das Laufen zu begreifen. Ich hatte also auch so eine gute Zeit in den Bergen. Aber andererseits weiß ich natürlich auch, dass das ein konsequentes, spezifisches Lauftraining nicht ersetzt. Es ist halt ganz einfach so: Solange ich nicht so intensiv laufen kann wie ich will, bleibt es schwer für mich, für die großen Rennen wirklich perfekt präpariert zu sein.

Fühlt sich dein Körper momentan gut an?

Gut genug. Aber um gesund zu bleiben, muss ich permanent wachsam sein und in meinen Körper hineinhören. Irgendwo bleibt da ein fortwährendes Aber.

Hat diese Erkenntnis auch dein Verhältnis zu den Rennen verändert? Hat sich ihr Stellenwert vielleicht sogar relativiert?

Nicht wirklich, dafür liebe ich den Wettbewerb noch immer zu sehr. Sich mit anderen und sich selbst zu messen, bleibt eine sehr wertvolle Erfahrung. Aber dieses absolut Unbedingte, das jedes Rennen für mich früher hatte, ist heute so sicher nicht mehr da.

Um diese Frage vom Theoretischen in die Praxis zu wenden: Bei welchen Rennen werden wir dich in diesem Jahr sehen?

Ohne schon zu viel festzuzurren: Mein Frühjahrsultra wird in Spanien sein, im Mai. Und dann werde ich im August nach Europa zurückkehren, zum UTMB.